| Drucken16.01.2002 

Orgelfestwoche zur Einweihung der Eule-Orgel im Großen Saal der Hochschule 3 (Gerhard Lock)

Orgelfestwoche zur Einweihung der Eule-Orgel im Großen Saal der Hochschule 3
Neue Musik & Orgel. ?Einblicke? - Kompositionen Studierender

Gemeinschaftskonzert der ?Gruppe Junge Musik? Leipzig
mit der Hochschule für Musik ?Franz Liszt? Weimar

Programm

Interpreten:
?Gruppe Junge Musik? der Musikhochschule Leipzig
Dirigenten: Hannes Pohlit, Diego Uzal und Reinhard Schmiedel

Organist: Johannes Gebhardt (Leipzig)
Klavier: Yun?Hee Jung und Akiko Togowa (Weimar)
Gesamtleitung: Reinhard Wolschina (Weimar) und Reinhard Schmiedel (Leipzig)


Überraschende Klangwelten oder was bedeutet Neue Musik?

Mit Neuer Musik verbindet der allgemeine Konzertbesucher einerseits die Musik, die gerade neu, andererseits diejenige, die nach 1945 geschrieben wurde. Manch einer zählt dahinein auch die Musik seit der Atonalität und der Dodekaphonie. Dies dient in erster Linie dazu, alle Musik, die weder klassisch, romantisch noch impressionistisch klingt und auch nicht neostilistisch komponiert ist, irgendwie einzuordnen. So erweist sich der Begriff Neue Musik als ein ambivalenter Terminus, der zum gesellschaftlichen Usus für die Verständigung über das Neue, das Unbekannte, das Fremde und das gerade erst Erschaffene in der Musik geworden ist.

Neue Musik, wie sie in den inzwischen zur Tradition gewordenen ?Einblicke? - Konzerten der Musikhochschule erklingt, ist vielmehr zeitgenössische Musik, Musik die in jüngster Zeit entstanden ist, so wie es auch "contemporary music" im Englischen heißt, wo kein Begriff  wie etwa ?New Music? existiert. Aber selbst die seit etwa zehn Jahren schon etablierten ?musica nova? Konzerte des Gewandhauses fassen unter dem lateinischen Begriff ?Neue Musik? die Musik des 20. u. 21. Jahrhunderts. Dies bestätigt einmal mehr die Ambivalenz und zeigt, was man alles unter Neuer Musik verstehen kann.

Es wäre vermessen, einen jungen Komponisten nach nur einem einzigen gehörten Werk ausreichend einschätzen zu wollen, zumal außer Andres Maupoint alle anderen Komponisten noch auf dem Wege zu einer persönlichen Tonsprache sind. So sind die seit acht Jahren veranstalteten und von Reinhard Schmiedel geleiteten, halbjährlich stattfindenden ?Einblicke?-Konzerte im wahrsten Sinne des Wortes Einblicke in die Werkstatt junger Kompositionsstudenten der Leipziger Musikhochschule, die regelmäßig im Januar auch in Kooperation mit der Musikhochschule ?Franz Liszt? in Weimar organisiert werden.

Mit dieser Einordnung der ?Einblicke? in den Kontext Neue Musik, zeitgenössische Musik und Hochschulausbildung lässt sich das Konzert des heutigen Abends sehr viel genauer besprechen, denn es boten sich in der Tat sehr unterschiedliche Einblicke in den Schaffensprozess junger Komponisten.
Überschrieben war das Konzert zwar mit Neue Musik & Orgel, aber von den sieben Stücken war nur eines für Orgel solo (Markus Herrmann, Triosonate für Orgel) und das andere für verschiedene Bläser, Vibraphon und Orgel (Andres Maupoint, ?Stufen?) komponiert. Zu kritisieren ist fernerhin schon an dieser Stelle, dass das Programmheft weder genauere Informationen zu den Komponisten, noch zu den Stücken bot, so dass der Hörer zwar unvoreingenommen lauschen konnte, jedoch die sich im Verlauf der Musik ihm stellenden Fragen nicht beantwortet bekam.

Von vier aus Weimar angekündigten Kompositionen konnten nur zwei in Leipzig aufgeführt werden, so dass das Gewicht eindeutig bei den Leipziger Werken lag. Sowohl Jongtae Ha (*1965), als auch Hyung-Min Kim (*1972) stellten Klavierstücke vor, in denen es recht viele Ideen gab, jedoch Struktur fehlte. Auch war die Mischung aus impressionistischer Klangwelt, traditionellen Akkorden mit falschen Tönen bei Ha hübsch anzuhören, aber die fehlende Struktur hat schnell Langeweile aufkommen lassen. Wie man den Titel ?Unähnliche Zwillinge? in der Musik wiederfinden soll, bleibt ein Rätsel, das wohl nur der Komponist allein erhellen kann. Vielseitiger war da noch Kim, die in ihre vier ?Variationen für Klavier? Zupfeffekte im Klavier einbaute und damit neben der Variationsstruktur wenigsten ein bisschen Gliederung erreichte. Fragwürdig blieb allerdings, was das Thema der Variationen sein sollte, zumal weder die Lieder ?Oh Tannebaum? noch ?Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus? in irgendeiner Form wiederzufinden waren.

Die folgenden Werke Leipziger Studenten sind kammermusikalische Besetzungen und ihre Klangwelt ist jede für sich hochinteressant und vielversprechend. Ji-Suk Kangs (*1970) Septett-Elegie (2001) für Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Violine, Violoncello und Kontrabass hat eine interessante Klanglichkeit. Vom Einzelton aus der Tiefe des Kontrabasses entwickelt sich ein Wechselspiel kurzer melodischer Linien zwischen den Instrumenten, welches bis zu siebenstimmigen, kontrastreich ?instrumentierten? Akkorden anwächst. Mehrere Steigerungsverläufe dieser Art münden in ein überraschendes Ende aller Instrumente mit Zielton e, dem ein kleiner Abschnitt ähnlich dem Beginn vorausgegangen war. Hier kann man von durchgearbeiteter Struktur sprechen, wenn auch ein ?klassischer? Höhepunkt dem Stück fehlte. Vielleicht gerade deshalb war das Ende um so wirkungsvoller.

Aristides Strongylis (*1974) schreibt Musik, die sehr schön klingt und gut ausgearbeitet ist. Es ist eine fast noch spätromantische Klangwelt, in der die Verflechtung von aufblühenden Linien ein wunderbares Zwiegespräch der vier Instrumentalisten ermöglicht. Das Streichquartett, als Krönung der Kammermusik angesehen, war und ist für viele Komponisten ein Prüfstein ihrer Fähigkeiten. Strongylis verwendet in seinem Streichquartett ?Die Zeit des Narziß? (2001) Klänge mit übermäßigen Intervallen und lässt die Bratsche gelegentlich hart am Steg spielen (geräuschhafter Ton). Auf einem auch durch Glissandi gebildeten Klanghintergrund können sich fragmentarische, sprunghafte Linien in Sekunden und Quarten bilden. Manchmal spielt der Komponist mit ineinander übergehenden Dur- und Mollakkorden als Klangbasis, über der dann Einzelaktionen der Instrumentalisten erfolgen. Nach einem Fugato kommt der Schluss zwar etwas überraschend aber effektvoll.

Vor der Pause gab es dann die echte Überraschung des Abends, denn Diego Uzals (*1969) ?Une simple insinuation au silence? (?Eine einfache Andeutung auf das Schweigen?, 2001) für Ensemble ist keine Musik im traditionellen Sinne. Sie ist Geräuschmusik, die bewusst Naturgeräusche und generell Geräusche der Umwelt assoziieren lässt. Uzal sagt zum Titel: ?Das Schweigen ist das Moment der Überlegung und der Reflektierung?. Das Schweigen soll nach dem Erklingen des Stückes einsetzen und zum Nachdenken und zur Reflexion anregen. Uzal schafft es, aus herkömmlichen Instrumenten mit Hilfe von verschiedenen Spieltechniken eine Klangwelt zu entwickeln, die zunächst provoziert, später zum Schmunzeln animiert und man sich fragt, was der Komponist denn noch für Tricks aus dem Ärmel zaubert, zumal Uzal selbst souverän und lässig dirigierte.

Reine Töne der verschiedenen Holzbläser, Blechbläser, mittleren und tiefen Streicher und des Klaviers sind eine Seltenheit. Das Klavier wird meist in kreisenden Bewegungen mit Metallgegenständen zum Klingen gebracht, die Oboen und Klarinetten spielen Spaltklänge und geräuschhafte Töne und die Posaune klingt mal wie ein Elefant, mal wie eine Bohrmaschine. Der im Verlaufe des Stückes durch bewegte Blech- oder Plexiglasplatten hervorgerufene Wah?Wah?Effekt leitet den Schluss ein und plötzlich glaubt man Wind- und Wassergeräusche zu hören. Nun haben zwar schon einige zeitgenössische Komponisten (Bsp. Penderecki, Lachenmann) die Spieltechniken herkömmlicher Instrumente ausgereizt, aber gerade dieser neue Klang ist faszinierend und gibt dieser bemerkenswerten Uraufführung etwas, das der Konzertbesucher nicht vergessen wird.

Nach der Pause erklang die Triosonate für Orgel (2001) von Markus Herrmann (*1976), die mit ihren Sätzen Präludium, Air und Allegro auch musikalisch ganz im ?alten Style? einherkam. Auch wenn es so beabsichtigt war, ist es gewagt, zumal, wenn man das Instrument mit seinen großen Möglichkeiten (in diesem Falle die frisch eingeweihte Eule-Orgel) überhaupt nicht ausnutzt. Die ständig um einen geringen Umfang kreisenden barocken Figuren und der Kontrapunkt waren eher eine Stilkopie, als ein Werk der Neuen Musik für Orgel.

Als Abschluss des Konzerts erklang als weitere Uraufführung das Werk ?Stufen? für Vibraphon, zwei Flöten, vier Klarinetten, sechs Blechbläser und Orgel von Andres Maupoint. Dieses Werk zeigt uns den Komponisten als einen souveränen Meister der Klänge und Klangfarben. Maupoint ist ein schon international bekannter Komponist, dessen Werke u.a. in Latein?Amerika und neben Leipzig in vielen Städten Europas (u.a London, Köln, Zürich, Lyon, Budapest, Rom) aufgeführt worden ist. Er stammt aus Santiago de Chile, hat an der Universidad de Chile, in Frankreich und Deutschland studiert. Sein Meisterklassenexamenskonzert fand am 5. Dezember 2001 in der Leipziger Hochschule statt. Er ist in verschiedenen internationalen Kompositionswettbewerben ausgezeichnet worden (u.a. 1997 erster Preis ?Olivier Messiaen? in Köln, 2000 erster Preis ?Bach 2000? des MDR). Maupoint beschäftigt sich mit verschiedenen Weltreligionen und Weltkulturen und verwendet Elemente aus ihnen. Deutlich wird dies besonders bei seiner Zweiten Studie über ?Musikalisch?Religiöse Handlung? nach der buddhistischen Welt, der indischen Welt und den Ritualen des Bonpos. Und auch der Einfluss des Franzosen Olivier Messiaen ist noch spürbar, obgleich Maupoint durchaus eine eigene Musiksprache entwickelt hat.

Im Werk ?Stufen? nun vermag er es, Orgelklang, die Bläser und das Vibraphon so mit einander zu verbinden, dass es ein einziger klanglicher Kosmos wird. Zu Beginn ertönt im Fortissimo ein ?wüster? Cluster in den tiefen Registern der Orgel. Als dieser abbricht, bleibt ein Klang im Blech stehen, der dann immer bewegter wird und in Flötenkaskaden mündet. Neue Akkorde mit Trompetenpunkten und andere bewegte Klänge folgen auf Kaskaden im Holz und Blech. Das charakteristische Vibrato des Vibraphons leuchtet mehrfach hervor. Nach dem erneuten Orgelcluster erscheinen langsame, pulsierende Klänge mit Blechdominanz und glockenhelle Repetitionen des Vibraphons. Es gibt ein bewegtes Geflecht aus Linien im Holz und weichen Blech, schöne und schräge Klänge, wie sie für Maupoint charakteristisch sind - und Pentatonikklänge.

Es ist eine Musik, in der man Räumlichkeit, Vordergrund und Hintergrund, Repetitionen, Flächen und Linien hören kann. Die Zeit ist ähnlich wie bei Messiaen eine eigene Dimension. Obwohl im Programmheft keine einführenden Worte des Komponisten zu finden waren, kann auch dieses Werk in einem religiösen Kontext gesehen werden. Es gibt in verschiedenen Religionen Stufen der Erkenntnis und der Erleuchtung und Maupoint hat in seiner Musik viele Stufen der Klangfarbe, Lautstärke, Helligkeit, Nähe, Ferne etc. zum Klingen gebracht. So ist also die rein äußerliche Aufstellung der Instrumentalisten vor der Orgel auf Stufen nicht der einzige Assoziationspunkt für dieses Werk. Mit Unisono gespielten und sich in großen Abständen allmählich abwärts bewegenden farbigen Tonsäulen neigt das Stück sich dem Ende zu. Alles fließt abwärts. Einzelne Flötentupfer begleiten diesen Prozess, bis die Stille als Idealzustand erreicht ist. Die Stille ist ein in der heutigen lauten Welt oft vergeblich gesuchter Zustand des mit physischen Ohren Unhörbaren. Es gibt wenige Komponisten, die die Stille komponieren können (den 1990 gestorbenen Italiener Luigi Nono muss man unbedingt einen Meister der Stille nennen).

So war denn die Stille ein wunderbarer ?Ausklang?, sowohl der Maupointschen Musik als auch des gesamten Konzerts. Aufgehoben wurde sie von dem begeisterten Beifall der Zuhörer, der sowohl der Musik, als auch allen Interpreten des Abends galt. Alle Musiker, die Leipziger ?Gruppe Junge Musik? der Hochschule mit ihren Dirigenten Hannes Pohlit, Diego Uzal und Reinhard Schmiedel, der Organist Johannes Gebhardt, sowie die Pianistinnen Yun-Hee Jung und Akiko Togowa aus Weimar haben mit hohem Engagement agiert. Wenn sich die Konzertbesucher, die den Kammermusiksaal gut gefüllt hätten, im großen Saal etwas verloren, so wurde dies mit rauschendem Applaus wieder wettgemacht.

(Gerhard Lock)

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