Rainer Schöbe | Drucken14.02.2012 

Nordische Woche im Gewandhaus

Das Ernste ist uns die wahre Freude: Osmo Vänska und Menahem Pressler im Grossen Concert

Menahem Pressler (Foto: Courtesy of Indiana University)

Ein recht übliches Programm erwartete den Hörer am vergangenen Donnerstag und Freitag im Konzert des Gewandhausorchesters. Bemerkenswert war jedoch, dass das Hauptwerk, die 5. Sinfonie das Dänen Carl Nielsen, eine echte Rarität ist. Offenbar reizt sie auch das Publikum wenig und so bleiben an beiden Tagen sehr viele Plätze leer.

Dirigent des Abends war Osmo Vänskä. Gewiss dem Orchester und dem Publikum kein Unbekannter mehr, gastierte er doch schon mehrfach in Leipzig, zuletzt mit einer enttäuschenden Neunten Bruckners, die er stellenweise einfach technisch falsch dirigiert hat und so das Orchester verunsicherte. Die Erwartung, was diesmal geschehen würde, war also hoch. Zunächst geschah nichts. Die, den Abend eröffnende Helios-Ouvertüre, ebenfalls von Nielsen, wurde arg uninspiriert gespielt. Und so war es auch kaum noch schlimm, dass gleich der erste Ton des Solohorns (vom dritten Hornisten gespielt, die anderen treten später hinzu) verkiekst war – an beiden Abenden. Immerhin bekam das Stück dann doch noch Schwung, hatte man sich eingespielt. Kurzer Beifall.

Dann gleich weiter mit Mozart. Altmeister Menahem Pressler spielt das Klavierkonzert B-Dur. Der kleine Mann ist einer der ganz großen Pianisten unserer Zeit und ist vor allem als kongenialer Kammermusiker berühmt. Er spielte mit einem hinreißend schönen und wohldosierten Ton. Das Gewandhausorchester spielte trotz eines schwierigen Dirigats versiert und lustvoll mit. Leider schlichen sich im Solopart hörbare Mängel ein: An beiden Abenden holperten Läufe, war die Dynamik unlogisch gestaffelt, vergriff sich der aus Noten spielende Pressler. Schade.

Konzertpause: Und was war das? Das Orchester schien wie ausgewechselt, Vänskä zwar immer noch schwer ablesbar, aber nun deutlich souveräner! Sollte mein Kommilitone Recht haben mit dem Vorwurf des mangelnden Partiturstudiums der vorangegangenen Stücke? Offenbar ja! Denn was hier passierte, verdient höchsten Respekt. Das angenehm sperrige Werk wird mit allen Ecken und Kanten hervorragend aufgeführt. Der Hornsatz kompakt und zupackend, hervorragendes Schlagwerk um Wolfram Holl, der sein teils zu improvisierendes Trommelsolo fantastisch und vielgestaltig spielt. Ob Carl Nielsen allerdings die modernen Spieltechniken, wie etwa das Spiel auf dem Spannreifen (rim-click), bei der Komposition während der Jahre des Ersten Weltkrieges im Sinn hatte? Wir wissen es nicht. Es ist jedenfalls musikalisch absolut überzeugend, wie Holl konsequent und äußerst präzise gegen den Strich spielt, während das Orchester in einen mächtigen, hymnischen Höhepunkt hineinmarschiert, dass einem fast der Atem stockt. Langsam ebben die Wogen ab, Holl spielt seine Trommelmotive nun hinter der Bühne. Was nun folgte waren die leisesten Klarinettentöne, die ich je gehört habe. Soloklarinettist Peter Schurrock spielt mit dem Rücken zum Publikum eine lange Kantilene, die aufgrund der Spielposition ihren Echocharakter bewahrt ehe sie so delikat verklingt, dass man nicht genau bestimmen kann, wann der Satz endete. Weltklasse!


Das Finale dieser zweisätzigen Nielsen-5 beginnt gleich im Tutti mit energischen Posaunen- und Paukenaktionen, schwillt dann aber langsam am. Es folgt eine Fuge über ein Thema, das man kaum richtig ernst nehmen mag. Die großen Intervallsprünge lassen es unfreiwillig komisch erscheinen. Immerhin bleibt es nur Passage, da schon bald das volle Orchester mit einer Wiederholung des Anfangs hereinbricht. Das forte im Tutti bleibt nun, das Chaos wird geordnet und ehe man sich versieht, befindet man sich in der Schlusscoda. Da ist dramaturgisch schwer noch etwas „draufzusetzen“. Vänskäs kluger Interpretation und den klanglichen Reserven des nun sehr gut aufgelegten Gewandhausorchesters ist es zu verdanken, dass dies dennoch fulminant gelang, bis hin zu derart mächtigen Paukenschlägen von Solopauker Matthias Müller, dass man um die Instrumente fürchten musste. Das macht Eindruck!

Und so bricht das Publikum an beiden Abenden in großen Beifall aus. In der Tat. Die Sinfonie wurde sehr gut und überzeugend gestaltet aufgeführt. Technische Mängel gab es de facto nicht. Großer Jubel für Trommel, Klarinette und Pauke! Was allerdings verblüfft ist, dass am Donnerstagabend bereits während es dritten Auftritts von Vänskä ein gutes Drittel des Publikums eilig den Saal verließ. Zugegeben: Ein wenig populäres Programm. Eine Sinfonie, bei der man sich nicht entspannt zurücklehnen kann. Sie ist dennoch ein Meisterwerk, das sehr gut und eindringlich aufgeführt wurde, absolut ein Kind ihrer Zeit, zumal keiner schönen Zeit! Ein solches Verhalten so vieler Besucher ist schwer verständlich, vielmehr sehr respektlos gegenüber der großen Leistung der Ausführenden und jenen Menschen im Publikum, die ein solches Werk erst einmal setzen lassen müssen und Zeit zum Durchatmen benötigen. Dabei erinnert uns doch der italienische Gelehrte Seneca jeden Abend im Gewandhaus daran: „res severa verum gaudium“. Das Ernste ist uns die wahre Freude.

Grosses Concert

Carl Nielsen: Helios-Ouvertüre

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert B-Dur

Carl Nielsen: Sinfonie Nr. 5

Dirigent: Osmo Vänskä

Klavier: Menahem Pressler

Gewandhausorchester

26. Januar 2012, Gewandhaus, Großer Saal


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