Friederike Haupt | Drucken16.11.2003 

Driven forward by the past

Die Band Phantom/Ghost (Dirk von Lowtzow & Thies Mynther) sind in Ilses Erika

Phantom/Ghost im Ilses Erika zu erleben ist ein bisschen so, als säße man zu Hause auf dem Sofa und würde Zeuge eines Wunders. Inmitten von Plüschsesseln und zerschlissenen Teppichen stehen so plötzlich, als wären sie gerade dem Plattenspieler entsprungen, zwei Musiker auf einer winzigen Bühne in einem Raum von durchschnittlicher Wohnzimmergröße und zünden sich Zigaretten an, deren Rauch unscharfe Ornamente ins rote Licht zeichnet. Am Mikrofon positioniert sich Dirk von Lowtzow, hauptberuflich Sänger und treibende Kraft bei Tocotronic, daneben setzt Thies Mynther, seines Zeichens Mitmischer bei Stella und Superpunk, seine Elektro-Anlage in Gang. "Phantoms and ghosts are here by my side" - präsentieren heute ihr neues, zweites Album "To Damascus" und das Wohnzimmer könnte voller nicht sein.

Kurz nach Mitternacht ist es, als es leise zu knistern beginnt in den Boxen, der erste Song anhebt mit wabernden Klängen aus Mynthers Laptop, alsbald unterlegt mit einem recht tanzbaren Rhythmus - noch erinnert das Ganze stark an mainstreamtauglichen Elektroclash. Mit dem Einsetzen des Gesangs jedoch erhält die Musik einen Charakter, den man ihr bis dahin kaum zugetraut hätte: Sie wird emotional ohne kitschig zu sein.

Die Musik von Phantom/Ghost wagt etwas, das heutzutage kaum in der Popmusik zu finden ist, nämlich Gegensätze. Da wäre zunächst die Stimme Dirk von Lowtzows, unverkennbar gezeichnet vom rauhen Tocotronic-Rock und zahllosen Zigaretten, warm, tief, immer ein wenig brüchig, die nun auf die schillernde, geschliffene und am Computer produzierte Musik Mynthers trifft; da wären des Weiteren die Texte, die sich aus Zeilen wie "I'm sailing over to Damascus, driven forward by the past" oder "Thank god it's judgement day - you are forgiven" zusammensetzen und sich jeglicher Interpretation entziehen; und da wäre auch das Auftreten der beiden Musiker: Während der eine das Mikro umklammert, mal zornig die Augenbrauen zusammenzieht, dann wieder versonnen lächelt und "How beautiful you are, my sleeping star" singt, tanzt und dann den Applaus mit einem fröhlichen "Danke" quittiert, steht der andere fast unbeweglich da und gibt hin und wieder etwas in den Laptop ein, woraufhin sich weitere melodiöse Klangeffekte entfalten.

"Neues vom Trickser, der einen Top-Job macht als ein Übersetzer zwischen Tag und Nacht, als eine Art Verführer des Dazwischenseins" singt von Lowtzow auf der neuesten Tocotronic-Platte, und besser kann man kaum beschreiben, was er jetzt bei Phantom/Ghost vollbringt. Mit der Unterstützung Thies Mynthers wird eine Musik geschaffen, die die gängigen Klischees raffiniert an der Nase herumführt und zeigt, dass Elektropop und Glaubwürdigkeit, Spaß und Anspruch, Frickle-Sounds und Ausnahmestimmen durchaus kompatibel sind. Die mystisch verschlüsselten Texte, die oft minutenlangen Intros der Lieder, der eindringliche Gesang in Kombination mit den spielerischen Wendungen der Mischpult-Musik ? alles ein Zeichen dafür, dass Phantom/Ghost sich selbst nicht ernster nehmen als nötig ist, um gute Songs zu schreiben.

Als dann von Lowtzow nach 80 Minuten des Konzerts das vorletzte Lied mit dem Satz "Und nun kommt ein Lied über uns - 'Perfect Lovers'" ankündigt, muss er selbst lachen; Mynther grinst, und als dann als letzte Zugabe "You're my mate" (ursprünglich Seichtpop von Right Said Fred) in einer dem Original weit überlegenen Version präsentiert wird, kann sich wohl keiner mehr des Eindrucks erwehren, hier Musik mit einem nicht geringen Maß an (Selbst)Ironie erlebt zu haben.

Die Gegensätze sind es, die Phantom/Ghost so interessant machen, und die Gegensätze sind es auch, die dem Auftritt im Ilses Erika eine besondere Note verleihen, denn solche Musiker werden wohl in den wenigsten Wohnzimmern live spielen. Bleibt nur, den Plattenspieler anzustarren und auf ein Wunder zu hoffen.(Friederike Haupt)

Phantom/Ghost: "To Damascus", erschienen bei Ladomat

Phantom/Ghost (Dirk von Lowtzow & Thies Mynther)

16. November, Ilses Erika



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