Anja Scharruhn | Drucken21.10.2009 

Politik und Musik

David Timm präsentiert zeitgenössische Kirchenmusik im Alten Rathaus

Der Mensch müht sich vergebens, wenn nicht der Segen Gottes mit ihm ist: So besagt es der 127. Bibelpsalm, der seit 1672 als Umschrift auf dem Alten Rathaus zu lesen ist. Der Leipziger Komponist Günther Neubert wählte die Psalmworte aus christlicher und politischer Überzeugung heraus als Titel für sein zweites Oratorium, das letzten Sonntag erstmals in Leipzig aufgeführt wurde.

In dem sakralen Werk für einfache Orchesterbesetzung mit Schlagwerk vertont Neubert die düsteren Prophezeiungen des Jesaja, die mit Zitaten aus Karl Mays Gedichtband Himmelsgedanken kontrastiert werden. Neubert verwendete die frommen Texte des sächsischen Schriftstellers, um einen Bezug zur Stadt Dresden herzustellen, die das Oratorium anlässlich ihres 800-jährigen Jubiläums in Auftrag gegeben hatte.

Neuberts charakteristische Musiksprache ist auch in diesem Werk unverkennbar, die Harmonik schwebt zwischen Tonalität und seriellen Einfällen. Gelegentlich erhebt sich der Choral aus Aus tiefer Not schrei ich zu dir... aus dissonanten Klangfeldern. Nahezu alle elf Teile enden lautstark und abrupt, die Gesangspartien verlaufen dramatisch, begleitet von einem fein strukturierten Orchesterapparat. Echte Überraschungen innerhalb der Komposition bleiben jedoch aus.

Der politische Charakter der Konzertveranstaltung war aufgrund der anwesenden Stadtprominenz nicht zu übersehen, der erzieherische Wink mit dem Zaunpfahl anlässlich des 20. Jahrestags der Friedlichen Revolution ließ die musikalischen Belange in den Hintergrund treten.

Obwohl die aufführenden Musiker gewohnt gute Leistungen abrufen konnten, schienen sie emotional eher unbeteiligt. Universitätsdirektor David Timm hielt das Ganze mit präzisem Schlag zusammen, dirigierte aber insgesamt zu harmlos, um dem Orchester außerordentlichen Gestaltungswillen und einen homogeneren Klang abzuringen. Gotthold Schwarz und Annette Markert bewiesen ihre routinierte Gesangskunst, jedoch mit immer gleichem Ausdruck trotz wechselnden Textinhalten. Das Leipziger Vocalensemble bemühte sich um fehlerlose Wiedergabe, wirkte bisweilen jedoch zu zögerlich. Allein Stefan Ebeling gab einen überzeugenden Vorgeschmack auf das drohende Weltgericht.

Am Ende gab es aufrichtigen Beifall und die Erkenntnis, dass sich Musik und Politik in den seltensten Fällen gegenseitig befruchten.


Günther Neubert: Wo der Herr nicht das Haus baut...
Oratorium für Alt, Bass, Sprecher, Chor und Orchester

Westsächsisches Symphonieorchester
Leipziger Vocalensemble
Leitung UMD: David Timm
Alt: Annette Markert
Bass: Gotthold Schwarz
Sprecher: Stefan Ebeling

11. Oktober 2009, Festsaal des Alten Rathauses


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