Steffen Kühn | Drucken13.11.2006 

Polnische Uraufführung

Oper einmal anders: Sende(r)musik eins,mit Cello,Schlagzeug und Gesang

Wer hinter dem Titel der Konzertreihe SENDE(R)MUSIK am Augustusplatz heute mehr als an "auf Sendung gehen" und den "Sender" MDR erwartet, wird leider enttäuscht. Eine Kammeroper in polnischer Sprache wird konzertant zur Uraufführung gebracht, in einer gekürzten Version, da die geplanten Videoeinspielungen noch nicht fertig (?) sind. Eine inhaltliche Übertragung des Librettos ins Deutsche ist im Programm-Flyer abgedruckt, den Inhalt zu verfolgen, ist so nicht möglich, Übertitel gibt es leider nicht. Man sitzt im Kreis, die Instrumente, Computer, Turntables sind auch kreisförmig angeordnet, die Solistin in der Mitte. Mehrere Lautsprecher verheißen Surround Effekte.

Es beginnt sehr leise: Cello und Schlagzeug grummeln und kratzen vor sich hin, die Sopranistin dominiert in farbigen Bögen. Der zweite Teil ist rhythmischer, das Klavier wird perkussiv bearbeitet (von zwei Seiten), es entsteht eine assoziative Struktur. Die zweite Stimme kommt hinzu - vom Band - und beginnt (end-)lose Monologe. In Tradition einer Kammeroper treten die Stimmen im Weiteren in einzelnen Aktionen auf, ein Akkordeon erzeugt durch elektronische Verfremdungen interessante Stimmungen, überhaupt kann jede Stimme, jeder Musiker seine eigenen Aktionen sofort live bearbeiten. Im Sopran wird dieses Phänomen am intensivsten eingesetzt: Echos und Verdoppelungen erzeugen chorartige Situationen. In Verbindung mit den Einspielungen wird die Situation überhöht, ein irritierendes Moment, nicht zu wissen, was ist live und was kommt aus der Konserve. Nachdem die Musik eine sinfonische Dichte erreicht hat, dominieren im letzten Teil expressive Aktionen: der DJ mit sphärischen Fauchen, hohe Einzeltöne, die die Grenze des Ertragbaren erahnen lassen, der Sopran zum Teil auch fast klassisch rezitativ in Verbindung mit der Stimme vom Band. Im Höhepunkt herrscht ein geräuschhaftes Chaos, Stimmen werden zerschnitten, zerhackt, die Turntables spielen verrückt, irgendwas nasaliert aus dem OFF.

Was mit diesem Stück im Einzelnen gemeint ist, bleibt völlig offen. Man hat ein weinig das Gefühl, dass in der polnischen Avantgarde Entwicklungen aus Westeuropa angekommen sind. Authentische Einflüsse sind bestenfalls in der Art des Gesangs zu erahnen, irgendwie wirken große Teile "abgestanden": elektronische Spielereien, Turntable-Effekte?? Auf der anderen Seite bleiben Möglichkeiten den offenen Raum zu bespielen, sich zu bewegen ungenutzt. Auch der Umgang mit den elektronischen Apparaturen ist sehr sparsam, die erwarteten Surround-Effekte bleiben aus.

Das cirka einstündige Stück hat musikalische Qualitäten, die man aber nicht mit Musiktheater in Zusammenhang bringen würde, die fehlende inhaltliche Dramatik ist sicher ein Tribut an die Originalsprache, diese Frage müssen die Programmgestalter vom MDR beantworten. Ratlos bleibt man zurück!

Sende(r)musik 1

Cezary Duchnowski (geb. 1971)Ogrod Marty - Marthas Garten
Kammeroper für Stimmen, Instrumente und Elektronik
Libretto Piotr Jasek

Agata Zubel Stimme
Eryk Lubos Stimme (Band)
Andrej Bauer Violoncello, Computer
Cezary Duchnowiski Klavier, Computer
Michal Moc Akkordeon, Computer
Jacek Kochan Percussion, Computer
DJ Lenar
Pawel Hendrich Sound
Mateusz Stepniak Kostüme

Dienstag, 7. November 2006, 20:00 Uhr, MDR-Studio am Augustusplatz

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