Doreen Kunze | Drucken | Kommentar (1)16.02.2011 

Diktator der Herzen

Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung stellen das Gewandhaus auf den Kopf

Na wenn das kein Hit ist, Herr Grebe! (Foto: Jim Rakete)

Wenn ein Mann, verhüllt in weiße Schleier, die Bühne betritt und auf einer Konstruktion aus Abflussrohren Jagdhorn spielt, dann ist das im sonst doch eher klassisch bespielten Gewandhaus Leipzig ein wahrlich seltsamer Anblick. Als sei dies nicht schon Groteske genug, folgen noch diverse Tiermasken und Karnevalsperücken.

Was nach einem absurden Spektakel klingt, ist es auch. Denn Rainald Grebe meldet sich wieder zurück, und diesmal hat er Großes im Gepäck. Lange war er als Solokünstler am Klavier unterwegs, dann tourte er zusammen mit der Kapelle der Versöhnung durch Deutschland. Nun setzt er noch eins drauf und kommt mit einem ganzen Orchester daher. Wer dabei an ein klassisches Orchester denkt, liegt bei Grebe falsch. Denn der Liedermacher, Kabarettist und Autor ist bekannt für seine dadaistisch anmutenden Shows, die immer neue Ideen in petto haben.

Wie sieht so ein Orchester à la Grebe nun aus? Neben den klassischen Streichern und Grebes altbekannten Mitstreitern Martin Brauer (Schlagzeug) und Marcus Baumgart (Gitarre) finden sich dort Bässe (Serge Radke), ja sogar eine Bass-Balaleika und eine Hammondorgel, gespielt von Buddy Casino (der Helge Schneider-Fans nicht unbekannt sein dürfte). Auch ein DJ (DJ Smoking Joe) der „eh alle ersetzen [kann], weil er das ganze Orchester im Laptop hat“, findet seinen Platz. Zusammengewürfelt wirkt das seltsame Ensemble, doch Grebe, der Mann am Klavier, bindet den bunten Haufen so geschickt in seine Lieder ein, dass ein stimmiges Bild entsteht. Aber nur solange der Großmeister persönlich anwesend ist. Verabschiedet er sich in eine kleine Pause und verlässt die Bühne, ist vom Orchester der Versöhnung nicht mehr viel zu sehen. Da werden Witze gerissen über Bandkollegen und Brauer erweist sich als äußerst treffsicher, was seine Steinschleuder (hier: Papierschleuder) angeht.

Während der Schlagzeuger trommelt, der Balaleika-Spieler zupft, die Geiger fiedeln, der DJ scratcht und der Organist… naja, orgelt, nimmt Grebe selbst allerhand Gestalten an. Mal ist er der Diktator (der Herzen), dann wieder ein Tourist in Afrika. Und natürlich der Burn-Out-Patient. Dabei stets im Hintergrund und doch die heimlichen Stars des Abends, die vier Männer an den Streichern. Das Quartett bildet einen Kontrast zu der sonst sehr wilden Bande. Sie sind die älteren Herren (was Grebe sie des Öfteren unsanft spüren lässt) und eigentlich nur da, um Musik zu machen. Man könnte meinen, dass sie nicht gewarnt wurden, nicht wussten, worauf sie sich einlassen. Doch das Zusammenspiel funktioniert und so erleben die Zuschauer einen Abend unter dem Motto „Heimat, Fremde und Leben“.

Und auch die von Grebe seit einiger Zeit behandelte Hit-Problematik ist Thema. Wann wird ein Lied zum Hit und vor allem: Wann landet er selbst endlich einen Hit? Diese Frage dürfte sich spätestens in dem Moment geklärt haben, als er seine Bundesland-Hymne „Brandenburg“ anstimmt. Ein Satz genügt, um das restlos ausverkaufte Gewandhaus zum Jubeln und Klatschen zu bringen: „Es gibt Länder, wo was los ist…“. Na wenn das kein Hit ist, Herr Grebe!

Nebst altbekannten Liedern besingt er auch mit zahlreichen neuen Songs, etwas „Mike aus Cottbus“ oder „Lonely Planet“, die Luxusprobleme und Provinzidyllen der Deutschen und schafft es so mal wieder, die Zuschauer schmunzelnd zum Nachdenken anzuregen und sie nachdenklich Schmunzeln (Lachen) zu lassen. Und vor allem, sie mitzureißen. Spontan entschließen sich immerhin um die 15 Frauen, gemeinsam mit Grebe auf der Bühne den „Handtaschentanz in Haus der Kulturen der Welt“ zu tanzen.

Grebe, dessen Spielstätten sich in den letzten Jahren konstant vergrößert haben, hat wieder einmal gezeigt, dass er nicht nur ein bemerkenswerter Entertainer ist, sondern auch sein musikalisches Talent und seine Kreativität im Zusammenspiel mit dem Ensemble unter Beweis gestellt. Dieser Meinung war anscheinend auch das Publikum. Anhaltender Beifall und ein ganzer Saal, der sich von seinen Sitzen erhebt – für Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung.

Rainald Grebe & das Orchester der Versöhnung

13. Februar 2011, Gewandhaus


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

XY schrieb am 18.02.2011 um 00:24 Uhr:

Wie kommen Sie auf Jagdhorn? Wenn, dann war das wohl eher ein Alphorn. Und es heißt Balalaika, nicht Balaleika.

 
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