| Drucken13.04.2001 

Richard Wagner: „Parsifal” – ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen (Marcus Erb-Szymanski)

13. April 2001 Gewandhaus, Großer Saal

Richard Wagner: "Parsifal" - ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen

MDR Sinfonieorchester, MDR Rundfunkchor,
Philharmonischer Chor Prag, MDR Kinderchor
Dirigent: Peter Schrottner

Kundry: Doris Soffel, Mezzosopran
Parsifal: Robert Gambill, Tenor
Amfortas: Eike Wilm Schulte, Bariton
Klingsor: Siegmund Nimsgern, Bassbariton
Gurnemanz: Jan-Hendrik Rootering, Bass
Titurel: Peter Klaveness, Bass

Blumenmädchen: Cornelia Wosnitza, Hendrikje Wangemann, Bettina Denner, Adelheid Vogel, Evy Kristiansen, Christine Hansmann

Karfreitag zwischen Kunst und Kirmes

Parsifal konzertant

Es ist Karfreitag der 13., der Dirigent ist krank und Zuschauer sind auch nur relativ wenige da. Unter einem schlechteren Stern hätte diese Vorstellung wirklich nicht stehen können. Was hilfts da, in der Pause Würstchen und Schinkenbrötchen zu verkaufen, am Karfreitag provoziert das eher Gedanken wie: Kaum ist der Erlöser am Kreuz, machen sich die Händler breit im Musentempel.

Und überhaupt, ist der Parsifal ein Stück, das man konzertant aufführen kann? Der für Fabio Luisi eingesprungene Peter Schrottner nimmt die Tempi so breit, dass man jeden Moment fürchtet, es könnten Löcher ins Gewebe reißen. Aber so weit kommt es nicht, nur ein wenig porös ist der Klangstoff. Doch ansonsten hält Schrottner die Seinen zusammen, schlägt den Takt auch in der Langsamkeit unaufhaltsam und sicher wie das Pendel der Weltuhr und irgendwie ist es auch imponierend, wieviel Zeit er sich lässt, wie er jedes Detail in Ruhe auskostet.

Und dennoch: So ganz ohne optische Ausgestaltung ist es auch für die Solisten schwer, sich in Szene zu setzen. Diese Musik ist einfach nicht zum Zurücklehnen gemacht. Das dramatische Geschehen prägt bis weit in die motivischen Ausformungen hinein den Ausdruck und mit schönen Stimmen und soliden Ausführungen ist da noch nichts gewonnen. Zumal, wenn so etwas passiert, wie dass auf die Ankündigung eines Neuankömmlings, die im Orchester mit geheimnisvoller Bedeutung beladen wird, nur ein kleinerer Herr im Frack auftritt, mit einer Mappe unterm Arm noch vorn schreitet, wie der Herr Abgeordnete, der eine Rede verlesen will. Da mag er dann schön singen wie er will, solche Momente unfreiwilliger Komik sind nichts für ein ?Bühnenweihfestspiel?. Wir sind schließlich bei Wagner und nicht bei Brecht.

Doch dann im zweiten Akt passiert etwas Unglaubliches, Sagenhaftes, Einmaliges. Es beginnt mit dem Auftritt von Siegmund Nimsgern als Klingsor. Bei diesem Sänger spürt man vom ersten Ton an eine starke Persönlichkeit, die es schafft, auch ohne Dekoration und Darstellung ihren ausgeprägten Charakter in die Stimme zu verlagern. Das Dramatische zeigt sich in der Deklamation mit solcher Vehemenz, dass es die Hörer aufrecht sitzen lässt, als stünden sie unter Strom. Dies ist eine Vorgabe, die Doris Soffel kongenial aufnimmt. Ihre Kundry besitzt in der Gestikulation ihrer Stimme eine Plastizität und Ausdrucksvielfalt, die der Fantasie Bilderwelten eröffnet, wie sie kein Bühnenbildner je ausgestalten könnte. In diesem Duett schaffen es zwei fantastische Darsteller, allein durch ihre Stimme die ganze Welt der menschlichen Leidenschaften darzustellen, wie sie sich in dem Dialog zweier verstoßener Seelen auftut. Und mit einem Male ist auch bei den Übrigen eine Spannung da, die allererst zeigt, was Wagner allein schon in der Musik als Dramatiker sein kann. Die Blumenmädchenszene verwandeln Solisten und Chor in ein zärtliches Tosen, das Orchester beweist nun mit dichtem, homogenen Klang, der als ein tobendes Meer unter der Oberfläche des Gesangs stets beherrscht und dennoch abgründig ist, wie außerordentlich gut es auf diesen Auftritt vorbereitet ist, und Peter Schrottner zeigt, wie souverän er diese Materie beherrscht, indem er sie für die Solisten dienstbar macht.

Der dritte Akt wird schließlich vor allem von Robert Gambill geprägt. Seine Stimme ist so rein, wie das Gemüt des Parsifal, hat einen strahlenden metallischen Glanz, aber kann aber auch so innig werden, dass schließlich jede Beschreibung hinter sprachlosem Staunen zurücktritt. So lässt sich nach diesem Abend sagen: Parsifal konzertant? Anders möchte man ihn sich gar nicht mehr vorstellen!

(Marcus Erb-Szymanski)

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