Steffen Kühn | Drucken20.01.2008 

Roter Wein! Musik!

Das Ehrenkonzert zum 65.Geburtstag Friedrich Schenkers im Alten Rathaus

Im heutigen Kultur-Gelump der fun-event-cool-geil-biggestbrother-Meuten, der verblödungswilligen, manipulationsgierigen Massen von TV-Debilen war der ehemalige Boxer, Tennisspieler und Rennradfahrer, der Ökonom und Dichter Karl Mickel ein sensibler, kreativer, sinnlicher, kostbarer, elitärer Widerpart. Dass er uns in den Orkus des Nichts verlassen hat, ist sehr schlimm. Aber es bleiben ja noch seine Werke, die er für seine ihm vorstellbare Ewigkeit gedacht hat. Roter Wein! Musik!
Friedrich Schenker zum Tod seines langjährigen Freundes Karl Mickel: Freitag, 20. Juni 2000

Friedrich Schenker entscheidet, was stimmig ist und was nicht, so war es, so ist es und so wird es wohl auch immer bleiben. Schenker, der sperrige Tonsetzer aus dem thüringischen Zeulenroda, schöpft seine Ästhetik aus dem Widerstand. Zu ertragen ist das auf Dauer nur durch seinen unbeirrbaren Sinn für Komik und fürs Paradoxe.

Am 23. Dezember 2007 feierte Friedrich Schenker seinen 65. Geburtstag. Ehemalige Schüler aus Schenkers Improvisationsklasse der Musikhochschule Leipzig veranstalten ihm zu Ehren das heutige Konzert. Das Licht dieser schönen Geste wirft einen tiefen Schatten auf Leipzigs Kulturpolitik! Hat man den Mitbegründer der Gruppe Neue Musik Hanns Eisler schon ins Archiv gestellt? Kein Platz mehr in der Musikstadt Leipzig zwischen Chailly, Thomanern und Co? Seit der letzten großen Aufführung eines Werkes von ihm, der Goldberg-Passion im Gewandhaus, sind mehr als acht Jahre vergangen!

Burkhard Glaetzner, schon 1969 Solist der Uraufführung des Oboenkonzertes, bringt neben dem 35 Jahre jüngeren Hansjacob Staemmler auch heute die Fassung für Oboe und Klavier von Horst Karl Hessel zur Uraufführung. Das glasklare Klavierspiel setzt die Struktur des Stückes, die Oboe entwickelt in melodischer Virtuosität Atmosphäre in den Klangkaskaden. Kongenial ist das Zusammenspiel der beiden so verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten, atemberaubend die dynamische Intensität, welche Burkhard Glaetzner im zweiten Satz erzeugt. Als wäre das Instrument ein Teil seines Körpers, atmet und reagiert er in der Partitur. Kommunizierende Röhren II, eine Komposition des Jahres 2003, erfolgt dann ganz im Gestus des Nonkonformismus: Singen, Sprechen, Schreien, das Aus- und Einatmen als Stilmittel, außerdem werden die Instrumente in Einzelteilen zerlegt bearbeitet. Hier ist verblüffend, wie sich aus klanglich-strukturellen Aktionen plötzlich zarte Melodiefetzen lösen und assoziative Elemente wie sirenenhafte Momente entstehen. Das Stück erhält so ein Klammer und wird zusammengehalten. Das Ensemble TromboNova überzeugt dabei durch Spielfreude zum Anfassen, mit einem seherischen Rhythmusgefühl bewältigt es die schenkerschen Galaxien. Rheinsberg spielt noch mal der Oboe und dem hervorragenden Burkhard Glaetzner in die Hände. Die dichte Komposition erhält Akzente durch perkussive Aktionen des Klaviers. Das Stück ist wieder virtuos wie das Oboenkonzert zu Beginn, besonders spannend die subtilen Verschiebungen im Zusammenspiel zwischen Viola und Oboe.VIEREINSDREIZWEI, ein insgesamt 25-teiliges Werk schrieb Friedrich Schenker für das familiäre Musizieren. Sein Bruder Gerd und seine beiden Söhne sind auch heute dabei, die vielfältigen Klangexperimente zu bewältigen: Gläser werden mit dem Bogen gestrichen, die Posaune wird durch auflegen auf eine Trommel verfremdet. Zum Teil etwas kopflastig, aber durch die komischen Momente doch ein vergnügliches Erlebnis.

"Ich bin gerührt" spricht der Geehrte am Ende ins Publikum, nachdem ihm seine Söhne und Mitstreiter ein riesiges Alphorn überreicht haben. Ein bewegender Abend und ein wichtiges Stück Leipziger Musikgeschichte war's!

schenker_in honour 65
Konzert zum 65. Geburtstag von Friedrich Schenker

Sächsischer Musikbund e. V.

Konzert für Oboe und Streichorchester (1969/74)
Uraufführung der Fassung für Oboe und Klavier von Horst Karl HesselKommunizierende Röhren II für vier Posaunen (2003)Rheinsberg für Oboe, Viola und Klavier (2005)
Uraufführung der Fassung ohne HornVIEREINSDREIZWEI für Klarinette, Posaune, Trommeln, Gläser, Flaschen und Violoncello (2006)
Leipziger Erstaufführung

Posaunen-Ensemble TromboNova:Hendrik Reichardt, Burkhard Götze, Hans-
Martin Schlegel & André Stemmler

Oboe: Burkhard Glaetzner
Klarinette: Robert Schenker
Schlagzeug: Gerd Schenker
Klavier: Hansjacob Staemmler
Viola: Hans Joachim Greiner
Violoncello: Christoph Schenker

9. Januar 2008, Festsaal des Alten Rathauses

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