| Drucken09.09.2001 

Saisonbeginn des MDR-Sinfonieorchesters unter Luisi mit Mahlers Neunter (Marcus Erb-Szymanski)

09.09.2001 Gewandhaus Großer Saal
MDR Sinfonieorchester

Dirigent: Fabio Luisi
Solist: Roman Trekel, Bariton

Gustav Mahler:
- ?Kindertotenlieder? für eine Singstimme und Orchester
- Sinfonie Nr. 9


Findlinge des sinfonischen Zeitalters
Fabio Luisi und das MDR-Sinfonieorchester mit Mahlers Neunter zum Saisonbeginn

Fast schon naturalistisch klingt es, wenn Fabio Luisi zu Beginn von Mahlers Neunter die verschiedenen Bläser seufzen lässt. Dagegen bemühen sich die Streicher zu singen, doch ständige Drohgebärden von Pauken und Blechbläsern lassen diese Versuche wie unterdrückte Schluchzer erscheinen. Es bedarf mehrmaliger Anläufe, bis jenes Schwelgen in wohliger Wehmut einsetzt, auf das man bei Mahler wartet. Erst am Ende des ersten Satzes singen die Bläser ungestört und die Seufzermotive klingen versöhnlich und versonnen.

Doch die Rundfunksinfoniker mit ihrem energischen Dirigenten haben nicht vor, Mahler klanglich schönzufärben. Wann immer sich Motive in verschiedenen Instrumentalgruppen neu aufbäumen und dabei hitzige Reibungen im Orchestertutti erzeugen, forciert Luisi das Tempo. Anschwellende Lautstärke, instrumentale Verdichtungen und thematische Überlagerungen steigern sich dabei in einer gewaltigen Klangspirale, bis das Ohr keiner weiteren Differenzierung mehr fähig ist. Die Mahlerschen Gliederungen wirken so wie riesige aufeinanderprallende Fragmente, Schollen oder Findlingen aus dem vergangenen und unwiederbringlichen sinfonischen Zeitalter.

Dies gilt für den ersten und vor allem für den zweiten Satz, in dem abrupte rhythmische Übergänge und Überlagerungen zwischen verschiedenen ?Tanzschauplätzen? hin und her blenden. In grotesker Übersteigerung werden auch die Seufzermotive des Anfangs vertänzelt, nicht ohne eine Rest von Schwermut zu behalten. Eine burschikose Aufdringlichkeit besitzen dagegen die Melodien im dritten Satz, wenn sie voll Unrast einander ablösen, bis Ratlosigkeit die Partitur zu durchfurchen beginnt. Denn erst die Schlusssteigerung nötigt mit ihren Paukenschlägen die Gegensätze zu einem gemeinsamen Rhythmus, so wie kriegerischer Kanonendonner eine Vielzahl von Charakteren zur Uniformität zwingt. Atemberaubend ist es, wie Luisi hier die Orchesterstimmen behutsam sammelt und allmählich zu einem ins Unermessliche anwachsenden Klang kumulieren lässt. Und dies geschieht mit der für ihn typischen Mischung aus struktureller Präzision und feuriger Beweglichkeit. Eben dies wird nun auch mehr und mehr zum Markenzeichen des Orchesters.

Welch hohe Klangkultur in diesem herrscht, wird vollends im Schluss-Satz deutlich. Dort, wo sich die Töne des Horns wie Goldstaub sanft auf die Streicherstimmen legen, entstehen Nahtstellen, an denen die Klangfarben miteinander verschmelzen. Dann schließen sich die Risse, die sich in den anderen Sätzen zeigen und es entsteht eine ungeahnte Homogenität des Spiels. Wie ein Bildhauer formt Luisi die Klangmassen mit geschmeidigen Bewegungen zu nuancenreichen Skulpturen. Trotz eines - für Luisis Verhältnisse - relative verhaltenen Tempos, ist die Musik ergreifend. Sie bewegt sich nun jenseits aller Konflikte, rauschend und nicht kämpfend, im Flußbett eines paradiesischen ?Nie-enden-Wollens?. Als Stimmen des Abschieds fügen sich malerische Soli unmerklich wie Tagträume ein, bevor die Musiker zu einer langen Überfahrt ins Tonlose ansetzen. So gleitet die Sinfonie denn sacht ins Jenseits der Stille und es endet ein ebenso beeindruckender wie ehrgeiziger Start in die neue Rundfunk-Konzertsaison.

(Marcus Erb-Szymanski)

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