Steffen Kühn | Drucken25.09.2012 

Profilierung durch Vielfalt – geht das?

Ein Rückblick auf die Salzburger Festspiele 2012

Foto: Silvia Lelli

260.000 Karten stehen 2012 zum Verkauf, die Auslastung wird bei 96 Prozent liegen, somit schafften es die Salzburger Festspiele, sich zu fast 80 Prozent aus Kartenverkäufen und Sponsorengeldern zu finanzieren. Eine Viertelmillion Besucher in sechs Wochen. Vor einigen Tagen meldete der deutsche Bühnen-und-Orchesterverband, dass in ganz Deutschland 2011 insgesamt (!) cirka 30 Millionen Besucher zu verzeichnen waren. Das muss man sich mal vorstellen: ganz Deutschland, 52 Wochen gegen das winzige Salzburg und sechs Wochen.

Nun wird den Salzburger Festspielen oft das Repräsentative, das Teure und Verschwenderische vorgeworfen, künstlerische Qualität bleibe auf der Strecke, von künstlerischer Profilierung wäre gar nichts zu sehen. Festivals wie die Ruhrtriennale begreifen sich deshalb als eine Art Gegen-Salzburg. Gerade 2012 feiert die Ruhrtriennale mit John Cage einen Altavantgardisten, seine Europeras sollten 1987 die traditionelle Vorstellung von Oper zertrümmern: 128 Partituren des musikalischen Abendlandes mittels Zufallsgenerator in 32 Bildern auf die Bühne geworfen, jetzt werden die Europeras wieder aufgeführt.

Prinzipiell ist zu sagen, dass beide Formen ihre Berechtigung haben. Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied. Während sich Anti-Konzepte ständig damit beschäftigen, sich von den gewachsenen Konzepten abzugrenzen, arbeiten Festivals wie die Salzburger Festspiele munter daran ihre Stärken auszubauen und sich in Maßen zu verändern. Salzburg Contemporary gibt es jetzt seit vielen Jahren, eine Mischung aus Kammerkonzerten, Großen Konzerten und Modernen Opern. Da sind 2012 Konzerte mit Streichquartetten von Holliger und Carter genauso gut besucht wie die Berliner Philharmoniker, die nach dem 2. Konzert für Klavier und Orchester von Johannes Brahms die 30-minütige 3. Symphonie von Witold Lutoslawski auf die Bühne bringen. Lutoslawskis 3. Symphonie ist vielleicht das exemplarische Beispiel für den Geist Salzburgs, neue Entwicklungen in den (vom Publikum geforderten) Kanon zu integrieren. Lutoslawski hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, den Zuhörer nicht zu überfordern: „Ich liebe Werke nicht, die ein Gefühl der Übersättigung hinterlassen.“ Wie Lutoslawski spielt auch Simon Rattle gern mit den Erwartungen des Hörers, äußert sensibel bringt er seine Berliner Philharmoniker mit Lutoslawski nach Salzburg. Stockhausens Gruppen spielte er dagegen in Berlin. Es ist dieses Fingerspitzengefühl, was Salzburg zusammenhält und es schafft, aus der Vielfalt eine Tugend, ja eine Profilierung erlebbar zu machen.

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Bilder von der Zauberflöte: Silvia Lelli, Bild Hofstallgasse: SF/Kolarik, Luftbild: ©Tourismus Salzburg

Mit großer Ernsthaftigkeit widmet man sich auch dem Nachwuchs, es wird viel geworben für die Familienkonzerte. Eine Produktion des Opernhauses Zürich bringt den Kindern die Zauberflöte nahe. In einer farbenfrohen Inszenierung, einer Mischung aus Erzählung und musikalischem Spiel, wird Mozarts bekannteste Oper von Mitgliedern des Young Singers Projekt eine gute Stunde auf die Bühne gebracht. Der Papageno-Darsteller und Erzähler Philippe Spiegel erreicht dabei eine solche Präsenz und Authentizität, dass die Kinder das Stück ihr ganzes Leben nicht vergessen. Und der Aufführungsort, die Große Aula der Universität, ist nur wenige Minuten von Mozarts Geburtshaus in der Getreidegasse entfernt. Das Familienkonzert Contemporary 10 ist dann eher etwas für die großen Kinder: Die fromme Helene – ein Rondo popolare von Bernd Alois Zimmermann nach Texten von Wilhelm Busch zeigt, wie heiter und gelassen Komponisten wie Zimmermann sein können. Die 1. Keintate von Friedrich Cerha kann den Humor noch toppen. Sprüche von Ernst Kein: Wiener Schmäh in waschechter Mundart von Altmeister Cerha, das ist wirklich großes Kino. Und toll ist auch, wie Johannes Kalitzke mit dem österreichischen Ensemble für Neue Musik sich dieser Gaudi widmet.

Mit großer Ernsthaftigkeit und Konzentration musizieren hier natürlich alle und schaffen bleibende Eindrücke: das Hornsolo zu Beginn von Brahms 2. Klavierkonzert, das kongeniale Zusammenspiel von Thomas Zehetmair und Ruth Killius in Holligers Drei Skizzen für Violine und Viola, ein strahlendes Intermezzo in der 1. Keintate von Friedrich Cerha.

Vielfalt, ein Wort, das üblicherweise in der ernsten Musik eher negativ besetzt ist, bekommt durch die Salzburger Festspiele einen Wert und eine Bedeutung. Das Programm nimmt Rücksicht auf das Ohr und somit auf das Publikum und dieses weiß das zu schätzen, seit sehr vielen Jahren schon. Bekanntermaßen wurden die Salzburger Festspiele durch Johann Strauss, Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhard 1920 gegründet.

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