Stefan Horlitz | Drucken06.05.2004 

Musik wie Wein und Rosmarin

Beim fünften "a-capella"-Festival für Vokalmusik entstehen wunderschöne sardische Gesänge

Geheimnisvolles altes Europa. Da gibt es auf einer Insel ein einzigartiges vokalmusikalisches Erbe, das nichts, aber auch gar nichts mit der üblichen Verwendung der menschlichen Stimme zu tun hat.

Die wesentlichen Grundelemente der sardischen Musik: Männergesang in folgenden Stimmlagen: schnarrender dunkler Bass, rauhe Mittelstimmen und ein herzergreifend warmer, ornamentaler Tenor. Die Musik folgt festen Regeln von Solo- und Chorgesang, die sich aber kaum erschließen lassen. So bleibt das Hören ein reines Wundern, wie die Betrachtung einer Kalligraphie in einer unverständlichen Sprache.

Die Stimmen imitieren die Natur, wie Vorsänger Patrizio Mura erklärt - vielleicht den Ochsen, das Schaf, und die scharfen Winde, die über die Insel brausen. Mit Kraft werden die Stimmbänder so auseinandergehalten, dass der komplette Kehlkopf anfängt zu schwingen. Dabei werden all jene Töne und Resonanzen frei, die normalerweise eher in zentralasiatischen Kehlen vermutet werden. Die Stimmen verschmelzen zu einem einzigen archaischen Instrument, über dessen Schwingungen Patrizio Mura seine Fiorituren legt. Das Verschmelzen ist ganz wörtlich zu nehmen - die Sänger stehen im engen Kreis, die Arme über die Schultern gelegt und singen einander zu, mit steinernen Gesichtern und leuchtenden Stimmen. Akustisch werden sie zu einer dichteren Einheit als es ein gewöhnlicher Chor je werden könnte. Dass es sich um nur vier Stimmen handeln soll (Massimo Roych und Mario Siotto wechseln sich ab), ist schwer zu fassen.

Die geistlichen Stücke sind merkwürdig statisch. Mit voller Kraft intonierte strahlende Durakkorde türmen sich zu Hymnen und Lobpreisungen auf, in deren Glut die hiesige Kirchenmusik wohl einfach verdampfen würde. Mannigfaltiger sind die weltlichen Gesänge - Tänze und Liebeslieder. Noch deutlicher ist hier die Verwandlung der Stimme in ein Instrument. Drehleier? Dudelsack? Orgel? Die Tenöre arbeiten mit der reinen Resonanz, die durch Variation des Höhengehaltes nuanciert wird. In der Kirche kommen diese Feinheiten wunderbar zur Geltung. Die Klänge pulsieren, tanzen miteinander einen geheimnisvollen Tanz und überlagern sich wie übereinanderschlagende Meereswellen. Musik, die nach Wein und Rosmarin duftet, für zwei Stunden Gänsehaut verursacht und neue Strategien zur Unterdrückung öffentlicher Tränen erfordert.

Der zaghafte Versuch, den sardischen Bordun zuhause unter der Dusche nachzuahmen erklärt empirisch, warum im Laufe des Konzertes der Inhalt einer Flasche Rotweins sowie unzählige Wassergläser geleert werden. Ich möchte die Musik auf Flaschen ziehen und mitnehmen. Bitte, bitte wiederkommen!!(Stefan Horlitz)

CD-Tipp: Tenores de Orosei: Amore profundhu (Winter & Winter 910021-1), ca. 15 €

a cappella. 5. Festival für Vokalmusik
Tenore de Orosei

Patrizio Mura: voche, Maultrommel
Massimo Roych: bassu, Flöten
Gianluca Frau: cronta
Piero Pala: mesu voche
Mario Siotto: bassu

6.5.2004, Reformierte Kirche



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