Steffen Kühn | Drucken | Kommentare (4)27.01.2013 

Hier spielt das demokratische Musikensemble

Semesterkonzert des Leipziger Universitätsorchesters: Die Probenarbeit hat sich gelohnt

Das LUO am 26. Januar im Gewandhaus (Foto: Kühn)

Seit fast zehn Jahren existiert das Leipziger Universitätsorchester (LUO). Aus einer spontanen Aktion von 40 Laienmusikern, Studenten der Universität Leipzig, im Jahre 2003 ist eine veritable Institution geworden. Selbstbewusst verweist man auf den demokratischen Aufbau des Orchesters. Der Posten des Dirigenten wird alle zwei Jahre öffentlich ausgeschrieben, nach Probedirigaten von maximal sechs Aspiranten stimmen die anwesenden Mitglieder des Orchesters in geheimer Abstimmung über ihren neuen Chef ab. Ein demokratisches Orchester im stark hierarchischen Musikbetrieb, der überdies von mächtigen Agenturen untereinander aufgeteilt ist – geht das? Es geht, und das demokratische Verständnis dieses Klangkörpers geht noch weiter. Über das Konzertprogramm wird ebenso in einem demokratischen Abstimmungsverfahren entschieden. Logisch, dass in so einem Verfahren häufig ungewöhnliche Kombinationen entstehen und vor allem ungewöhnliche Werke den Weg zur Aufführung finden.

Mit dem Konzertprogramm des Studienjahres 2012/13 bewirbt sich das LUO für den Deutschen Jugendorchesterpreis der Jeunesses Musicales Deutschland. Für die Endrunde ist man schon nominiert. Nach einer Voraufführung am 23. Januar 2013 im Merseburger Ständehaus geht es heute um die Wurst – die Jury des Wettbewerbes ist anwesend.

Dirigent Raphael Haeger kennt sich aus mit jungen Musikern, als festes Mitglied der Berliner Philharmoniker arbeitet er an Simon Rattles Jugendprojekt Zukunft@BPhil seit vielen Jahren weltweit auf diesem Gebiet. Das erste Stück des Abends, Friedrich Kuhlaus Elverhøj op.100 Ouvertüre geht er behutsam an. Mit sicherem Gespür hat er sich für eine langsame und eher leise Version entschieden, welcher die jungen Musiker sehr gut folgen können. Kuhlaus Stück, bekannt aus Egon Olsens Marsch durch ein Opernhaus (Die Olsenbande sieht rot, 1976), verträgt diese Zurückhaltung sehr gut. Die Stimmen sind gut hörbar und die typische Spannung des Stückes kann sich sanft knisternd entwickeln. Welch Mut, mit solch einem Stück zu beginnen! Da sind Bläsersolos zu Beginn, die jedem Profimusiker die Schweißperlen auf die Stirn treiben würden, eine einzige Posaune hat ganz alleine die Arbeit zu bewältigen.

Das Gewandhaus sieht heute gänzlich anders aus. Nicht nur das auf der Bühne sitzende Orchester ist superjung (gefühltes Durchschnittsalter 25), auch das Publikum entstammt überwiegend dieser Generation. Jacken und Rucksäcke fliegen auf die Sitze, auch legt man schon mal die Füße auf die Saalbrüstung. An dem immer wieder anschwellenden Beifall zwischen den Sätzen der einzelnen Stücke wird auch deutlich, dass die Mehrzahl der Jugendlichen die klassische Aufführung eines Konzertes nicht gewohnt ist beziehungsweise noch nie erlebt hat. Toll ist das, heute Abend zu beobachten, wie an die 2000 junge Zuhörer begeistert einen Event der sogenannten E-Musik folgen!

Philip Glass´ erstes Orchesterwerk, das Konzert für Violine und Orchester Nr.1 steht an zweiter Stelle des heutigen Abends. Solist Luiz Filipe Coelho kommt auch aus Berlin, nach einem Stipendium an der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker hat er dort seit der Spielzeit 2012/2013 eine feste Stelle. Unglaublich, dass er quasi nebenbei noch die Kraft und den Spirit hat ein Konzert wie dieses einzustudieren, denn dieses Konzert wird von der Solostimme getragen. Coelho gelingen die tragenden, repetitiven Flächen des ersten Satzes herrlich trocken und nüchtern, so dass sich der farbige Orchesterklang und einzelne Aktionen der Orchestermusiker wunderbar kontrastierend dazu entfalten können. Trotz demokratischer Findung des Programmes ergeben sich im ersten Satz dramaturgische Zusammenhänge zu Kuhlaus Elverhøj. Im Duktus ähnlich drängend und vorwärtsschreitend könnte man sich die Olsenbande auch gut zur Musik von Philip Glass vorstellen. Der zweite Satz beginnt mit zarten Gespinsten, Solist und Orchester jetzt im Dialog. Sehr gut erweist sich die Auswahl des Stückes an dieser Stelle. Die etwas rohen und kratzigen Blechbläser vertragen sich wunderbar mit der Musik von Philip Glass. Ganz subtil schiebt sich jetzt über die frische, leichte Musik etwas Melancholie, unbemerkt und so typisch für Glass´ Minimal Music. Der 3. Satz bringt ein neues Element, die kleine Trommel beginnt die Aktionen zu beschleunigen. Im Kontrast mit dunklem Blech entsteht ein verwirrendes Flirren. Farben, Intensität und Tempo werden stetig gesteigert. Wie Nordlicht flimmern die Flöten dazwischen. Ganz große Spannung am Ende, in eine Art Trance versetzt, hofft man, dass das nicht zu Ende geht.

Nach dem letzen Satz fällt Luiz Filipe Coelho sichtlich die Anspannung ab, erst jetzt wird sichtbar, dass er auch sehr einnehmend lächeln kann und im letzten Stück des heutigen Abends, wo er sich als normale Violine ins Orchester setzt, nutzt er dieses Lächeln aus, um die jungen Musikerinnen anzuspornen. Die 1.Sinfonie e-Moll op.39 von Jean Sibelius kann man getrost als klassischen Ohrwurm bezeichnen. Sehr oft ist sie seit ihrer Entstehung 1899 in den Konzerthäusern zu hören. Klar, das nun die Unterschiede zu Profiorchestern deutlich werden, vor allem die Transparenz in den Orchestertuttis vermisst man. Doch auch hier beweist Raphael Haeger wieder seinen Sinn für das Machbare, mit Zurückhaltung in Intensität und Tempo erlaubt er den jungen Musikern, sich ein sehr gutes Klangerlebnis zu erspielen. Umso mehr überraschen dann einige Leuchttürme, wie zum Beispiel das wunderbar gespielte Klarinettensolo zu Beginn der Sinfonie.

Der Saal jubelt, die Probenarbeit hat sich sicht- und hörbar gelohnt. Doch nun kommt noch eine Orchesterzugabe: Offenbachs Can-Can in einer eigenen Interpretation. Allerlei Hüte tauchen plötzlich auf den Köpfen der Musiker auf, nach den ersten Takten fegt eine kostümierte Tanzgruppe auf die Bühne. Musiker und Musikerinnen, die sich zuvor unbemerkt hinter die Bühne geschlichen und umgezogen haben, tanzen und scherzen jetzt zu Offenbachs Gassenhauer. Jetzt steppt der Bär – und bald nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum.

Semesterkonzert des Leipziger Universitätsorchesters

Friedrich Kuhlau: Ouvertüre zum Singspiel Der Elfenhügel op. 100

Philip Glass: Konzert für Violine und Orchester

Jean Sibelius: 1. Sinfonie e-Moll op. 39

Leipziger Universitätsorchester
Dirigent: Raphael Haeger
Violine: Luiz Filipe Coelho

26. Januar 2013, Großer Saal Gewandhaus


Das Leipziger Universitätsorchester spielt Mussorgsky, Goldhammer und Bruckner
Das Leipziger Universitätsorchester eröffnet die Universitätsmusiktage
Das Leipziger Universitätsorchester spielt Grieg, Schumann und Arutjunjan
Ein Festkonzert zur Namensgebung des Universitätsorchesters

Kommentare lesen und hinzufügen (4)

Mascha schrieb am 28.01.2013 um 09:43 Uhr:

Liest sich wunderbar!
Es trägt hoffentlich dazu bei, mehr Konzerte dieser Art im Gewandhaus zu zelebrieren!

Mascha

Susanne schrieb am 28.01.2013 um 15:30 Uhr:

Liest sich ja sehr schön und das Konzert war wirklich grandios, aber wer so einen Text verfasst, dem hätte auffallen sollen, dass die Zugabe nicht der Radetzky-Marsch war, sondern Jacques Offenbachs "Can-Can". Und die Wiener Philharmoniker spielen das nicht beim Silvester-, sondern beim Neujahrskonzert!!!

Jonathan schrieb am 28.01.2013 um 15:48 Uhr:

Die Zugabe war Can Can von Offenbach!

Redaktion antwortete am 28.01.2013 um 16:27 Uhr:
Fehler ist korrigiert. Danke für die Hinweise!

Waltraut schrieb am 05.02.2013 um 15:20 Uhr:

Die ungefähr peinlichste Kritik, die ich je gelesen habe.
Klar, das Konzert war super, was auch so rüberkommt. Aber hier haben sich neben unglaublich schwülstiger Sprache zu viele Fehler eingeschlichen. Der Solist ist Brasilianer mit dem Vornamen "Luíz Fïlíp"; das Vorkonzert fand im Merseburger Ständehaus statt (was ist ein Städtehaus?); die Probenarbeit für ein Konzertprogramm geht über ein Semester, sprich ein knappes halbes Jahr, und worin genau liegt der Mut, ein Konzert mit einer Ouvertüre zu beginnen? ...

Redaktion antwortete am 06.02.2013 um 21:32 Uhr:
"Ständehaus" wurde geändert. Bei Coelho wurde jetzt die gängige Schreibweise verwendet: Luiz Filipe.

 
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