| Drucken06.04.2002 

Sinfonieorchester der Hochschule mit Kagel, Zimmermann, Weill (Gerhard Lock)

6. April 2002, Großer Saal
Hochschule für Musik und Theater ?Felix Mendelssohn Bartholdy?

Sinfonieorchester der Hochschule

Solistin:
Naoko Ogura (Violine)

Dirigenten:
Thomas Hauschild
Pit Uhden
Christian Kluttig

Programm:

Mauricio Kagel (*1931)
?10 Märsche, den Sieg zu verfehlen? (Nr. 7 & 3) (1979)

Kurt Weill (1900?1950)
Violinkonzert Op. 12 (1924)
Für Violine, Blasorchester, Schlagwerk, Kontrabässe, Harfe und Klavier

Bernd Alois Zimmermann (1918?1970)
?Musique pour les soupers du Roi Ubu?, (?Musik zu einem Bankett bei König Ubu?)


?Ein scheinbar gewaltiger Ulk, ...

...für den jedoch, der dahinter zu hören vermag, ein warnendes Sinngedicht, makaber und komisch zugleich.? So kommentiert der Komponist Bernd Alois Zimmermann sein ?ballet noir? (?schwarzes Ballett?) ?Ubu Roi?. Genauso konnte man Zimmermanns ?König Ubu?, vom Hochschulsinfonieorchester unter Leitung Christian Kluttigs dargeboten, erleben.

Das Ganze ist eine Zusammenstellung, eine Collage vom Feinsten, die mit einem ?Dies irae? beginnt und mit dem ?Walkürenritt? Wagners ihren musikalischen Höhepunkt erfährt. Spätestens beim Radetzky?Marsch beginnt ein Lachen durch den Saal zu gehen, das sich bei den skurrilen Texteinlagen Roi Ubus steigert. Die Musik ist gespickt mit Zitaten bekannter Komponisten (von Blacher über Hindemith bis Mussorgski), besonders aber Wagner sowie Barockmusiktänze (wunderbar komisch gespielt von den Kontrabassisten) müssen dran glauben. Zimmermann selbst: ?Es handelt sich dabei um ein ?ballet noir?, welches anlässlich eines Festbanketts am Hofe Ubus gespielt wird. Die Akademie des betreffenden Landes, in dem das Stück spielen soll, wird von Ubu zum Bankett zitiert ?? und dann gnadenlos (mit den surrealistischen Texten Alfred Jarrys) beschimpft (auch Kluttig und das Orchester werden nicht verschont).

Schon die Gestalt Ubus (laut Zimmermann eine ?korrekt angezogene Person?) ist Komik pur. Er fährt nach der Einleitungsmusik laut klingelnd mit dem Fahrrad auf die Bühne und beginnt mit lauter Stimme seine tölpelhaft bis beleidigende Weltsicht unters Publikum zu bringen. Sein Anzug sitzt schief, das Haar ist wüst und der Gang eckig. Seine nervtötenden Auftritte bereitet die Collagemusik Zimmermanns herrlich vor und man ist jedes Mal aufs Neue erschreckt und fasziniert von dem Auftritt Ubus (herrlich gespielt von Rafael Banasik). Dieser nimmt sogar einmal die ?Grassistraße auf dem Montmartre? ins Visier ? mit der Bemerkung, dass man aus Ruinen doch schöne ordentliche Bauten machen solle. Wobei sein prüfender Blick dem Hochschulsaal gilt.

Geschrieben hat der Komponist diese Satire im Auftrag und für die Akademie der Künste Berlin (West), wo sie 1968 auch zur Uraufführung gelangte. Die Holz? und Blechbläser, die Kontrabassisten und die Schlagzeuger des Hochschulsinfonieorchester setzen den selbsternannten König Ubu glänzend in Szene. Und ebenso schaffen sie bei Kurt Weills (vor der Pause) erklungenem Violinkonzert (1924) und Mauricio Kagels ?Märschen, den Sieg zu verfehlen? (1979) eine groteske Atmosphäre. Glücklicherweise hatte man das Programm zuvor umgestellt und am Ende keine weiteren Kagel?Märsche mehr gespielt. Das hätte auch gar nicht funktioniert.

Die Märsche zu Beginn entwickeln eine eigenartige Klangatmosphäre, so, als ob man eine alte Schellackplatte aus den 30er Jahren hört. Entsprechend grotesk instrumentiert bietet die Musik durchaus Anhaltspunkte, wie man an einem Sieg regelrecht vorbei stolpern kann. Das Weillsche Violinkonzert ist ein kleines Juwel, das viel öfter gespielt werden sollte (so wie auch zu Weills Lebzeiten, als es sein wohl am meisten aufgeführtes Instrumentalwerk war).

Die Solistin Naoko Ogura und die Bläser samt Kontrabässen zeigen ihr klangliches Können und machen die restlichen Streicher der Geigenfamilie völlig vergessen. Auch wenn Weill selbst sein Konzert als raues, abstraktes und völlig dissonantes Stück bezeichnet hat, so ist dies zwar auch heute noch so hörbar, aber in unserer Zeit schockt es längst nicht mehr so, wie in den 1920er Jahren. Denn das Publikum hier applaudiert begeistert und nach der Pause ? nach ?Roi Ubu? ? nehmen die Begeisterungsstürme im schönen Hochschulsaal beinahe kein Ende.

(Gerhard Lock)

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