Benedikt Leßmann | Drucken14.10.2006 

Sozialistischer Realismus im Gewandhaus?

Yutaka Sado leitet das Große Concert im Gewandhaus

"Es ist kein Zufall, dass unser Bienenzüchter 'Held der Sowjetunion' geworden ist." Es sind Verse wie diese, mit denen Wolfgang Engel das Publikum des Großen Concertes amüsiert. Schön, dass es abseits von Nordkorea und Kuba noch einen Ort gibt, an dem die Werte des Sozialismus hochgehalten werden, denkt man sich da.
Prokofjews Suite "Lagerfeuer im Winter" entspricht ganz der Vorgabe einer fasslichen und affirmativ sozialistischen Kunst, eines "sozialistischen Realismus". Und das schon in der Textvorlage von Samuil Marschak, die sicher nicht nur in der deutschen Nachdichtung von Jörg Morgener hanebüchen klingt. "Werft mehr Holz ins Feuer, dass es noch heißer brennt! Unsere zwei Kolchosen laden euch, Moskauer Pioniere, als Gäste ein!"

Die kurzen Suitensätze, die jeweils von ein paar Strophen dieser Kolchosendichtung eingeleitet werden, zeichnen das Beschriebene ungefähr so subtil nach wie die Musik eines Hollywood-Blockbusters. Schlagwerk und repetitive Streicherfiguren zeichnen die Zugfahrt nach (was "in manchem erwachsenen Hörer [...] ein bisschen Dampfloknostalgie wecken" mag, so das Programmheft...), hohe Streicher- und Bläsertöne den Schnee und dergleichen mehr. Damit kein Missverständnis aufkommt: das Ganze ist natürlich von großer kompositorischer und instrumentatorischer Virtuosität, aber doch auch nicht spannender als gute Filmmusik. Da sich die Blechbläser leider an diesem Abend nicht gerade als "Helden der Sowjetunion" erweisen, entsteht zusammen mit dem unsäglichen Langgedicht, das Wolfgang Engel in der Art eines Märchenonkels vorliest, eine ziemlich lächerliche Wirkung. Man fragt sich doch ernsthaft, warum dieses Werk aufs Programm gesetzt werden musste und ob man nicht wenigstens auf die Pionierverse hätte verzichten können. "Will ein Waldbrand alles vernichten? Nein, die Sonne malt es mit Kunst! Und der Rauch dort über den Fichten? Ach, das ist nur ein Wolkendunst!"

Doch Marx sei Dank, der Abend bietet noch einige Überraschungen. Bevor es mit Schostakowitschs erstem Cellokonzert weitergehen kann, wird der Saal wie schon viel zu oft in vergangenen Konzerten von einem hohen Piepton erfüllt, einem kollektiven Tinnitus sozusagen. Und endlich einmal befinden sich mit Danjulo Ishizaka und Yutaka Sado Musiker auf der Bühne, die sich weigern, unter diesen unerträglichen Bedingungen zu musizieren, und abwarten. Irritation im Publikum und auf der Bühne, Diskussionen mit Konzertmeister und Orchestervorstand. Der Ton wird höher, doch er verschwindet nicht. Ishizaka und Sado bleiben konsequent. Ein Handy klingelt, Applaus. Schließlich betritt Chefdramaturg Michael Breugst die Bühne. Man habe entschieden, die Pause vorzuziehen. Da es nicht an der Saaltechnik liegen könne, bitte man das Publikum, derweil die Hörgeräte zu überprüfen.

Als wir uns nach der Pause mit penibelst kontrollierten Hörgeräten wieder im Saal einfinden, ist der Ton nicht mehr zu hören. Orchestervorstand Heiner Stolle macht eine erklärende Ansage, die jedoch leider unverständlich ist, da sein Mikrophon nicht funktioniert. Gibt es also doch ein technisches Problem im Saal? Wir dürfen auf kommende Konzerte gespannt sein, hoffentlich mit ebenso selbstbewussten Solisten und Dirigenten!

Nach diesen eher erheiternden Ereignissen fällt es schwer, sich auf die folgenden sehr ernsten Werke einzulassen. Doch das ebenso virtuose wie extrovertierte Cellospiel Danjulo Ishizakas zieht uns in seinen Bann und in die herbe Klangwelt von Schostakowitschs erstem Cellokonzert. Heiser und angespannt lässt er das Cello im ersten, sehr rhythmischen Satz klingen, der das Instrument wieder und wieder in hohe und höchste Lagen schickt, warm und elegisch dagegen in den endlosen Kantilenen des zweiten Satzes. Am meisten beeindruckt der dritte Satz, eine ausgedehnte hochvirtuose Solokadenz, die von den ätherischen Flageoletteönen vom Ende des zweiten Satz in das Schlussallegro überleitet. Es entsteht die eigentümliche Schostakowitsch-Faszination, die dessen Musik oft schon beim ersten Hören ausstrahlt - eine Faszination, die aus der Klangsprache herrührt, in der diese höchst subjektive Musik zu uns spricht, fremd und vertraut zugleich.

Von Schostakowitschs fünfter Sinfonie las und liest man viel in diesem Schostakowitschjahr. Sie ist ein Schlüsselwerk innerhalb des ?uvres des Komponisten, bedeutete es doch seine weitgehende Rehabilitation nach dem vernichtenden Artikel "Chaos statt Musik", den Stalin nach einer Aufführung der Oper "Die Lady Macbeth von Mcensk" der Prawda diktiert hatte. Schostakowitschs Beschreibung der Sinfonie als "schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf eine berechtigte Kritik" wird heute allenthalben als nicht oder nur halb zutreffende Schutzbehauptung begriffen. Yutaka Sados Interpretation verdeutlicht diese Annahme.

Da klingt der im ersten Satz so plötzlich hereinstampfende Blechbläsermarsch so eiskalt stalinistisch, der Ländler im zweiten Satz so gefährlich-grotesk, dass die Klage des dritten Satzes organisch daraus hervorgeht und als emotionale Reaktion des Individuums gegenüber Macht und Gewalt verstanden werden kann. Aufgesetzt und falsch klingt hingegen die Apotheose des vierten Satzes, und das ist sie wohl auch. Sados Deutung hebt die schneidenden hohen Tonwiederholungen der Streicher und die vulgären Paukenschläge dieses Finales besonders hervor, wie eine Illustration der vielzitierten Worte Schostakowitschs: "Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: ?Jubeln sollt ihr, jubeln sollt ihr.'"

Und in diesem Zusammenhang bekommt es dann doch etwas Sinn, dass an den Anfang des Programms ein dezidiert sowjetisches Werk gesetzt wurde. So wurden die Ohren geschärft für eine Musik, die, obwohl fasslich und wirkungsvoll, eben nicht Sozialistischer Realismus ist, den Machthabern aber als solcher verkauft werden konnte.

GROSSES CONCERT

Sergej Prokofjew (1891-1953):
Lagerfeuer im Winter
Suite für Kinderchor, Sprecher und Orchester op.122

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975):
Konzert für Violoncello und Orchester Nr.1 Es-Dur op.107
Sinfonie Nr.5 d-Moll op.47

Danjulo Ishizaka, Violoncello; Wolfgang Engel, Sprecher
GewandhausKinderchor, Einstudierung: Frank Steffen Elster
Gewandhausorchester, Yutaka Sado

12. Oktober 2006, Gewandhaus, Großer Saal

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