Gerhard Lock | Drucken15.02.2003 

Piazzolla-Enkel zum ersten Mal in Europa

Tango Nuevo in Tallinn: Daniel „Pipi” Piazzolla, der Enkel von Astor, gastiert in Estland

Das Licht im Saal erlischt und eine erwartungsgespannte Stille breitet sich über den Zuschauern aus. Alles ist ausverkauft, flüsternd macht es die Runde, dass der Enkel Astor Piazzollas heute spielen werde. Die große Leinwand über der Bühne des "Estonia" beginnt zu leuchten und Bilder aus Argentinien und der Tangohauptstadt Buenos Aires bereiten die Atmosphäre für einen außergewöhnlichen Abend mit Musik, Tanz, Video und live-Video vor, bis dann die Bühne erleuchtet wird und den Blick auf die inzwischen eingetroffenen Musiker freigibt. Und das muss er wohl sein, am Schlagzeug, der Enkel des großen Tangomeisters Astor Piazzolla.

Die Finnen sind große Verehrer des Tangos, aber auch unter den Esten gibt es viele Liebhaber des wohl erotischsten Tanzes der Welt. Neben Esten und finnischen Besuchern scheinen aber auch alle erdenklichen Südländer, die in Estland und in den angrenzenden Staaten leben, hierher gepilgert zu sein. Das ist nicht verwunderlich, wenn doch als "special guest" der Enkel Piazzollas eingeladen ist. Als dieser nach einigen Nummern das Mikrophon ergreift und auf Englisch seinen Dank und seine Freude ausdrückt, hier in Estland zu Gast sein zu können, brandet der Beifall tosend über die Ränge. Aufhorchen lässt, als Daniel "Pipi" Piazzolla mit bescheidener Stimme sagt: "It is my first time in Europe. And the first land that I visit, is Estonia". Holla hopp, wer hätte das gedacht!

Die Zusammenarbeit mit dem in Estland bekannten, beliebten und überall aktiven Saxophonisten Villu Veski und dem Akkordeonisten Tiit Kalluste erwuchs aus einer Konzertreise der beiden letzteren nach Argentinien (Oktober 2002). Von dieser sieht man im Verlauf des Konzerts Filmausschnitte. Genau die Szene, die auf den Plakaten abgebildet ist, erlebt man jetzt in bewegten Bildern - Veski und Kalluste machen Straßenmusik und stehen in einer farbig-grell bunten Straße Buenos Aires. Auch einige Größen des Tangos und des Jazz werden gezeigt, mit denen sie zusammentrafen. Entstanden war das Interesse beider am Tango aus Piazzolla-Tango-Zugaben, die sie im Rahmen ihrer Konzertreihe "Stimmen der Inseln des Nordens"gaben. Mit diesem Programm waren sie neben der EXPO in Hannover und bei etlichen Konzerten in Estland und Finnland insgesamt in 12 verschiedenen Ländern der Welt zu Gast, darunter Nord- und Südamerika, London, Brüssel, oder auf Jazzfestivals in Moskau, Berlin oder Stockholm.

Die Bilder, ob Film oder live, gehen fließend ineinander über und manchmal weiß man gar nicht mehr, ob die Bilder nun ein Filmausschnitt sind, oder nicht doch das live auf der Bühne tanzende Paar oder die emsig spielenden Instrumentalisten geschickt mit eingeschnitten wird.

Und genau das macht den Reiz des ganzen Ereignisses aus: Videoausschnitte, live-Video-Effekte und später das tanzende Paar. Die Videokunst ist glänzend gelungen, begleitet die Musik, lässt die Musiker bei ihren Soli mit den Bildern verschmelzen. Hier sind Profis am Werk. Auch die Musiker machen diesem Attribut alle Ehre. Jeder hat seine Soli und wird (im wahrsten Sinne des Wortes) voll ins rechte Licht gerückt. Interessant hierbei die Vielseitigkeit beispielsweise der estnischen Künstler, die sonst auch als Musiker der ernsten Musik einen sehr guten Ruf haben. Die argentinischen Tänzer ziehen alle Register ihrer Kunst und für Verführungen aller nur möglichen Sinne ist somit bestens gesorgt.

Angekündigt als Tango nuevo (neuer Tango) war klar, dass zunächst kein klassischer Tango erklingen würde, aber die Kompositionen der beiden Esten Kalluste und Veski sind ebenfalls eine Klasse für sich. Sie verbinden das Gefühl des Tangos mit der Kunst der Jazzimprovisation und ernten dafür rasenden Beifall. Sogar Elemente der estnischen Volksmusik schmelzen mit ein und geben der Musik ein unverwechselbares Flair. Daniel Piazzolla drückt dies später in seiner kleinen Ansprache in wenigen Worten perfekt aus und erfasst damit genau die Atmosphäre dieses Konzertes. Im letzten Teil wird dann Astor Piazzolla selbst die Ehre erwiesen und das bringt das begeisterte Publikum erst recht in Schwung. Nun wird rhythmisch applaudiert und die Musiker sind geistesgegenwärtig - sie klinken sich allmählich aus, so dass das nächste Solo allein dem Publikum gehört. Die Stimmung kocht und Zugaben sind vorprogrammiert.

So könnte es noch stundenlang weiter gehen, es werden noch mehr Zugaben verlangt, doch wenn es am Schönsten ist, sollte man still zum Schluss kommen und dies gelingt den Musikern. Ein leises Duett zwischen Saxophon und Akkordeon lässt den Abend gefühlvoll ausklingen, begleitet von auf die Zuschauer zufliegenden Sternen auf der Leinwand. Ein Multimedia-Ereignis höchster Professionalität - so lässt sich dieser Abend abschließend und treffend charakterisieren.

Tango NuevoVillu Veski - Tiit Kalluste Tangosextett

Daniel "Pipi" Piazzolla (Schlagzeug, Argentinien)
Villu Veski (Saxophone), Tiit Kalluste (Akkordeon), Andre Maaker und Oleg Pissarenko (akkustische Gitarre), Leho Karin (Cello), Taavo Remmel (Kontrabass)Tangoballett: Juan Votinéz, Sonia Perralta
Lichtkünstler: Airi Eras
Live-Video: Outline
Klangregie: Roland Urva, Mait KarmTango-Kompositionen und Improvisationen von:
Tiit Kalluste, Villu Veski, Astor Piazzolla (1921-1992)

15. Februar 2003 "Estonia" Konzertsaal Tallinn, Eesti/Estland

Programm:
Kalluste: Tanguero
Veski: Tango für altes Akkordeon
Veski: Tangotan
Kalluste: Anibal
Kalluste: Nino Bien
Veski: Mi tango en Buenos Aires
Veski: Mirage
Kalluste: Lunfardo
A. Piazzolla: Libertango

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach