Steffen Kühn | Drucken14.01.2007 

„Tiefland”

Die Frankfurter Oper gibt Eugen d´Albert unter der Musikalischen Leitung von Sebastian Weigle

Sebastiano, der allmächtige Gutsbesitzer will seine Geliebte Martha verheiraten, um den Weg für seine eigene standesgemäße Heirat freizumachen. Martha kam mit einem Bettler, ihrem Stiefvater, als dreizehenjährige auf Sebastianos Besitzungen. Der Bettler bekam eine Mühle, dafür zahlen musste Martha, als missbrauchtes Kind später als abhängige Geliebte Sebastianos. Aber es geht noch perfider: der Bräutigam und spätere Gatte Marthas soll sie sich mit Sebastiano teilen, der nicht auf sein "Gewohnheitsrecht" verzichten will.

Der düstere Plot stammt aus dem Schauspiel Terra baixa des katalanischen Erfolgsautors Angel Gimer?s. Gimer?s ist ein Kind der romantischen Aufbruchstimmung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Terra baixa kann als Sozialkritik gegen die mittelalterlichen Gesellschaftsstrukturen Kataloniens gelesen werden.

Pedro, der einsame Hirte im Hochgebirge, träumt davon, wie ihm die Mutter Gottes eine Frau verspricht. Als er seinem Freund Nando von seinem Traum erzählt erscheint Sebastiano und bietet ihm an, Martha zu heiraten. Pedro ist überglücklich, ahnt nichts vom perfiden Spiel und will das Hochgebirge verlassen. Nando: "Ins Tiefland gehst du? Dort sind die Häuser dumpf, die Berge weit, die Menschen wohnen eng beisammen. Die Sonne ist trüb, und grau ist alles. Dort gibst Zank und Streit und Hader alle Tage. Ins Tiefland gehst du?".

Einsames unverdorbenes Hochgebirge gegen verruchtes Tiefland, aus diesem literarischen Naturalismus schöpft das Libretto von Rudolf Lothar seine poetische Kraft. Eugen d´Alberts Komposition lebt gänzlich von dieser Vorlage und setzt auf eine Kraft der Stimmung. Eine einsam monologisierende Klarinette zu Beginn, aus dieser die Bergwelt symbolisierenden Melodie entwickelt sich Pedros hymnisches Motiv. Sebastianos Auftritt ist verbunden mit einer differenzierteren Musik, schillernden Orchesterfarben und deutlich dunkler hier die Stimmung. Marthas Motiv, das in tiefen Streichern zum erstenmal auftaucht, ist differenziert und strukturell in der Sphäre des schuldbeladenen Tieflandes angesiedelt, wenn sie sich später der Liebe zu Pedro bekennt wird es kämpferisch und klar. Die Dorfleute spotten und tratschen meist im ironischen Zweiviertel-Takt.

Die gesanglichen Leistungen der Hauptdarsteller sind phänomenal: John Treleaven als Pedro artikuliert seine naive unverdorbene Liebe zu Martha mit einer animalischen Eindringlichkeit, die das Haus erschauern lässt. Michaela Schuster alias Martha vollzieht in der Entwicklung der verängstigen Missbrauchten zur unerschrockenen Liebenden gesanglich und darstellerisch gleich mehrere Charaktere exzellent. Das Frankfurter Museumsorchester wird von Sebastian Weigle energisch und sicher geführt, Solisten und Chor immer auf dem Punkt. Bühnenbild und Kostüme konterkarieren leider die poetische Dimension der Oper. Direkt und eindimensional erleben wir platte Bergpanoramen, die viele Szenen aufnehmende Mühle ist eine Verladestelle im Industriedesign der Siebziger. Die Dorfbewohner sind in weiße Arbeitskittel gehüllt, das versteht wer will, außerdem ist es wenig ästhetisch.

Da wäre noch der Wolf! Pedro berichtet Martha wie er um die Herde zu schützen einen Wolf mit den eigenen Händen erwürgt hat, er ist stolz auf die Tat und auch darauf, dass Sebastiano ihm dafür einen Taler geschenkt hat. Unwissend wie er ist, bietet er Martha in der Hochzeitsnacht den Taler an, die entsetzt ablehnt. Das Wolfsmotiv taucht am Ende wieder auf, als Pedro alles weiß und rasend vor Verbitterung Sebastiano im Kampf umbringt. Martha und Pedro fliehen ins Hochgebirge: "Die Einsamkeit ist schön, aber man muss einen Gefährten oder besser eine Gefährtin haben, der man sagen kann, dass sie schön ist", Eugen d´Albert 1907 in einem Tagebucheintrag.

Tiefland

Eugen d´Albert

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Inszenierung: Anselm Weber
Dramaturgie: Agnes Egers
Bühnenbild: Hermann Feuchter
Kostüm: Bettina Walter
Chor: Alessandro Zuppardo

11. Januar 2007, Oper Frankfurt - Frankfurt am Main

www.oper-frankfurt.de

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach