Moritz Arand | Drucken10.04.2013 

Neue Zonen für Plüschophile

Tocotronic beweisen mit dem neuen Album „Wie wir leben wollen“ erneut, wie anspruchsvoll deutscher Pop sein kann

Tocotronic (Foto: Universal)

20 Jahre und zehn Alben! Ein Bilanz, die sich sehen lässt. Die Hamburger Powerpop-Band Tocotronic hat mit ihrem neuen Album Wie wir leben wollen ein weiteres Mal eindrucksvoll bewiesen, was es heißt, sich musikalisch in neue Dimensionen zu schrauben. Nach den Mammutwerken des Postrockkrachers KOOK und der Berliner Trilogie hätte man denken können, es geht nicht besser. Aber die Band um Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller, Schlagzeuger Arne Zank und Gitarrist Rick McPhail (seit 2004) belehrt alle Skeptiker stets eines Besseren. Längst schon gehört Tocotronic zu den unumstrittenen Größen der deutschen Musiklandschaft. Als Mythos, aber ohne Pracht wandern sie als Spione in den Rohren des sozialen Wohnungsbaus durch tiefe Schluchten in denen es nach Erdbeeren riecht. Die aufgeklärten Romantiker schaffen es immer wieder zwischen den Extremen von Leiblichkeit und Geist, von Marmor und Blut, Freiheit und Ergebung hin und her zu wanken ohne in eine Richtung zu fallen. Licht und Schatten, Vernunft und Unvernunft befinden sich dabei in einem empfindlichen Gleichgewicht.

Interessanterweise steht in den Texten des neuen Albums, das von Moses Schneider produziert wurde, nicht die Verneinung im Mittelpunkt. Protestiert wird dennoch. Es geht nicht mehr so sehr darum, was nicht gewollt wird, sondern wie gelebt werden will. Vorschläge hierzu gibt es reichlich, gleichwohl diese immer mit einer feingeistigen Doppeldeutigkeit versehen sind und ihren ironischen Unterton nicht verleugnen können. Von der Abschaffung des Todes durch die Revolution ist im Lied „Abschaffen“ die Rede und der Hörer wird dazu aufgefordert keine Angst mehr vor der Unendlichkeit zu haben. In „Chloroform“ präsentiert sich ein fragwürdiges Heilsversprechen. Kein Streit mehr, keine Strafe, keine Schuld, Schwäche ist Glück...

In diesem doppeldeutigen Utopia zu leben, wäre gewiss kein Vergnügen, jedoch verkennen die Lieder nicht den dunklen Hang des Menschlichen Willens sich fallen zu lassen, sich aufzugeben. Die Kehrseite des vom Diktat der Ratio aufgeklärten Individuums ist fester Bestandteil der Texte Lowtzows. Immer ist die Kritik der Selbstferne greifbar. Und so vollzieht das lyrische Ich im Song „Neutrum“ einen Wandel aus der Bedeutungslosikeit in ein anderes Geschlecht. Fokussiert wird immer wieder das Selbst, das aus sich selbst heraus die Welt schafft, in der es leben will. Im steten Wechsel aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung kämpft es mit sich um sich. „Die Revolte ist in mir“, singt Lowtzow dann passend mit seinem geschmeidig lamentierenden Ton, der in den Bässen so sanft ist wie ein Teddybär. Das Album gipfelt im schweren Shoegazing-Hymnus „Wie wir leben wollen“, vor dessen englischer Version ein Kniefall durchaus angebracht wäre. Durch die Obertöne und den Hall der verzerrten Gitarren entsteht im Zusammenspiel mit den tragenden Bassläufen und ansteigendem Schlagzeugspiel ein orchestrales Panorama, das durch das Hohelied des Refrains einem unbekannten Ziel entgegenklingt.

Die auf einer alten Vierbandspur aufgenommen Lieder sind geprägt von einem dichten Sound der nie diffus, sonder immer klar alle seine Komponenten erkennen lässt. Aufgenommen von Ingo Krauss in den Candy Bomber Studio, Berlin biete das Album dem Zuhörer ein konzentriertes Klangbild mit einem ausgefeilt produzierten Gesang. Soundästhetik gelangt durch diese Album auf einen weiteren Höhepunkt.

Alles glänzt! Wer mit glänzen will, der kann am Freitag (12. April) im Haus Auensee dem musikalischen Exzess beiwohnen.

Tocotronic: Wie wir leben wollen

Vertigo Berlin 2013

69 Min.


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