Frank Sindermann | Drucken18.10.2002 

Als wäre nichts gewesen...

Eine Unglückliche Zusammenstellung: Beethoven und Schönberg im MDR-Chorkonzert mit Fabio Luisi und Solisten

Unbequeme Musikwerke sind im heutigen Konzertbetrieb eher selten anzutreffen, und wenn es doch einmal vorkommt, dann meistens in speziellen, leicht elitär angehauchten Kreisen, also mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Daher ist es prinzipiell sehr zu begrüßen, wenn der MDR hin und wieder moderne Musik in seine publikumswirksamen Konzerte integriert. Allerdings kommt es darauf an, in welcher Weise dieses geschieht. Arnold Schönbergs "Überlebenden von Warschau" mit Werken von Beethoven zu kombinieren, stellt jedenfalls einen eklatanten Missgriff dar, der kaum zu rechtfertigen ist.

Zwar bemüht Fabio Luisi sich nach Kräften, Beethovens "Achter" die (ihr immer wieder nachgesagte) Heiterkeit energisch auszutreiben, dennoch klafft zwischen dieser Sinfonie und Schönbergs musikalischer Bekenntnismusik ein Graben, den die zwischengeschaltete Konzertpause kaum zu überbrücken vermag. Unter anderen Umständen gäbe es manchen Grund zum Jubeln; denn Luisis Beethoven-Deutung ist spannend, und auch das Orchester zieht meistens mit - im Angesicht der furchtbaren Ereignisse, die unmittelbar nach der Pause thematisiert werden, wirkt all das jedoch nahezu unbedeutend, der intelligente Humor des Scherzos fast geschmacklos.

In dem kurzen Werk "A Survivor from Warsaw" für Sprecher, Männerchor und Orchester beschreibt Schönberg, gestützt auf Zeugenberichte, den Morgenappell in einem Konzentrationslager. Der Bericht aus der Sicht eines zufällig Überlebenden ist in englischer Sprache gehalten, durchsetzt von den gebrüllten Befehlen des deutschen Kommandanten. Die vertonte Szene handelt davon, wie ein Teil der Gefangenen zur Ermordung in die Gaskammer gebracht werden soll. Sie werden zunächst wie Vieh zusammengetrieben, damit man sie zählen kann. Als das Ganze dem Kommandanten nicht schnell genug geht, werden sie übel misshandelt. Viele überleben diese Tortur nicht und sterben noch vor Ort. Als der Schrecken am größten ist, stimmen die Juden in hebräischer Sprache das jüdische Glaubensbekenntnis an. Maximilian Schell verleiht diesem erschütternden Bericht eindringlich Ausdruck. Mit unerbittlicher Konsequenz treibt er die schrecklichen Geschehnisse ihrem furchtbaren Höhepunkt zu. Seine Anstrengungen, wie auch die des Chores und des Orchesters, verfehlen ihre Wirkung nicht. Beklemmende Stille herrscht nach dem abrupten Schluss der Komposition. Dann bricht aber doch Beifall aus, und es wird klar, dass man es schon als Erfolg verbuchen muss, wenn der Konzertbetrieb auch nur für einige wenige Sekunden überlistet wird.

Nach der Schilderung des furchtbaren Unrechts, welches die Deutschen dem jüdischen Volk angetan haben, kann Beethovens C-Dur-Messe mit einigem guten Willen als Bitte um Vergebung verstanden werden. Andererseits: Gehörte nicht auch ein großer Teil der deutschen Christenheit zu den Tätern von damals? An wen dachte man, wenn man während des Dritten Reichs betete "Herr, erbarme dich"? Etwa an die Juden? Wie soll man an diesem Abend die Lobgesänge des "Gloria" und "Sanctus" verstehen? Lob und Dank wofür? Allenfalls das "Agnus Dei" mit seiner Bitte um Frieden am Ende mag sich auf das zuvor Gehörte beziehen lassen. Aber dennoch: das Werk wirkt wie ein Fremdkörper, dargeboten, als sei nichts gewesen, wie der Ausdruck eines veralteten Menschheitsideals, das inzwischen auf grausame Weise ad absurdum geführt wurde. Man tut niemandem einen Gefallen mit dieser Zusammenstellung, sie schadet Schönberg wie Beethoven gleichermaßen. Enttäuscht erinnert man sich an die prophetischen Worte Theodor W. Adornos: "Musik realisiert sich im Musikleben, aber das Musikleben widerspricht der Musik."

1. MDR-Chorkonzert

Ludwig van Beethoven:
8. Sinfonie op. 93,
Messe op. 86

Arnold Schönberg:
"A Survivor from Warsaw" op. 46

MDR Sinfonieorchester und Rundfunkchor
Dirigent: Fabio Luisi

Solisten:
Chrisitane Oelze (Sopran), Claudia Mahnke (Mezzosopran), Christian Elsner (Tenor),
Roland Schubert (Bass), Maximilian Schell (Sprecher)

18.10.2002, Gewandhaus, Großer Saal

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