Frank Sindermann | Drucken06.07.2002 

Fortuna war mit ihnen

Vereinte Universitätschöre aus Leipzig und Ulm mit Bartók und Orff

Na bitte, es geht doch. Während viele Menschen immer noch über Verständigungsprobleme zwischen "Ossis" und "Wessis" klagen und auf politischer Ebene die alten und die neuen Bundesländer allzu oft gegeneinander ausgespielt werden, machten die Universitätschöre aus Ulm und Leipzig heute einmal ganz praktisch vor, wie es geht: Verständigung durch Musik. Die Idee, zwei Chöre aus beiden Teilen Deutschlands wie mit einer Stimme singen zu lassen, klingt viel versprechend. Wie sah die musikalische Umsetzung aus?

Bevor die recht zahlreich erschienenen Konzertgänger dieser Frage anhand der unverwüstlichen "Carmina burana" nachgehen konnten, setzte man ihnen eher ungewohnte Kost vor. Und manchem mag die Aufführung von Bartóks "Sonate für 2 Klaviere und Schlagzeug" tatsächlich wie ein lästiges Vorprogramm zum eigentlichen Highlight erschienen sein. Dabei handelt es sich bei dem Werk um eine äußerst effektvolle und raffinierte Komposition. Viele Stilmerkmale, von der schlagzeugartigen Verwendung der Klaviere bis hin zur besonderen Bedeutung des rhythmisch-motorischen Elements, finden sich auch in vielen weiteren Werken des Komponisten und lassen die Sonate als einen echten Bartók erkennen. Noch etwas ist für Bartók spezifisch: der enorme Schwierigkeitsgrad der Klavierparts.

Josef Christof und Gernot Oertel wurden mit derartigen Anforderungen problemlos fertig. An besonders heiklen Stellen war allerdings schon zu spüren, was der Komponist den Interpreten abverlangt, d. h., manchmal blieb nicht mehr viel Raum für letzte gestalterische Durchformung. Am eindrucksvollsten gelang den Pianisten der Mittelsatz. Wie sie seine emotionsgeladene Objektivität, dieses Changieren zwischen distanzierter Neutralität und unterdrückter Innerlichkeit, ausgestalteten, ist bewundernswert. Die präzise agierenden Schlagzeuger trugen wesentlich zur bezwingenden Wirkung bei.

Dann war es endlich soweit. Die "Carmina burana", ein Werk, das oft gefährlich nahe am Rand der Banalität wandelt und das eindeutig mehr Wert auf äußerlich auftrumpfende Effekte denn auf musikalische Feinarbeit legt, verlangt dem Chor viel ab. Alles liegt offen, wenn Homophonie zum Grundprinzip erhoben ist und wenn die Begleitung derart bescheiden bestückt ist wie in der verwendeten Fassung mit Klavieren und Schlagwerk. Klappernde Abschlüsse, unsaubere Intonation: Alles kommt ans Licht. Es ist sicherlich nicht einfach, ein Werk wie dieses von zwei Chorleitern getrennt einstudieren zu lassen. Die kleinsten Differenzen zwischen den bunt gemischten Sängerinnen und Sängern aus Ulm und Leipzig hätten zum Desaster führen können. Umso wichtiger waren in diesem Fall absolute Aufmerksamkeit aller Beteiligter und ein deutliches, unmissverständliches Dirigat. Wie stand es an diesem Abend damit?

Schlicht und einfach gesagt: sehr gut. Damit soll nicht gesagt werden, es habe nicht hier und dort kleinere Unstimmigkeiten gegeben; diese fielen aber angesichts des energiegeladenen Gesamtansatzes kaum auf. Die Gestaltung des Eröffnungschores zeigte bereits Ungers (und Albrechts?) zupackendes Vorgehen, seine Forderung nach vorbildlicher Textverständlichkeit und die Tendenz, im Zweifelsfall alles auf eine Karte zu setzen. Diese Strategie des "Alles oder Nichts" ging in den meisten Fällen gut auf. Was man sich vielleicht noch gewünscht hätte, ist der Mut zu wirklichem Piano, das an diesem Abend kaum einmal erreicht wurde.

Die Solisten, denen das Werk einige Möglichkeiten zur stimmlichen wie schauspielerischen Entfaltung gibt, waren alle drei in hervorragender Verfassung und ließen auch den nötigen Witz und eine gewisse gestalterische Freiheit nicht vermissen. Die instrumentale Begleitung lag in bewährten Händen, konnte jedoch wenig eigenes Profil entwickeln, was sie in diesem Werk aber wohl auch kaum soll.

Wolfgang Unger behielt die Fäden des Geschehens stets straff in der Hand und motivierte alle Mitwirkenden zu Höchstleistungen. Seine Sicht auf die "Carmina" ist nicht revolutionär neu, sondern eher pragmatisch, mit Gespür für die dramaturgischen Möglichkeiten der Musik. So konnte sich das Ergebnis der vereinten Bemühungen aus Ulm und Leipzig wirklich hören lassen und wurde auch dementsprechend mit Applaus bedacht. Zwei (unnötige?) Zugaben versorgten das Publikum noch mit Ohrwürmern für den Heimweg. Und schließlich konnten die Musiker erleichtert aufatmen: Fortuna hatte es gut gemeint. Wer bezweifelt denn schon, dass bei Großaufführungen wie dieser neben aller Probenarbeit auch das Glück bzw. Schicksal seinen Anteil am Gelingen hat? Dass es dieses Mal dem zunehmenden Mond glich, ist mehr als erfreulich.

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