Falk Hamann | Drucken06.10.2010 

Vom Orchestralen zum Intimen

Der erste Opernabend der 34. Leipziger Jazztage mit der NDR Big Band, dem Acoustic Art Ensemble und dem Duo Till Brönner und Günter Baby Sommer

NDR Big Band (Foto: Steven Haberland)

Die mit „Klangpunkt Deutschland“ überschriebenen 34. Leipziger Jazztage warfen am ersten Konzertabend in der Leipziger Oper einen verstärkten Blick auf die Dresdener Musiklandschaft; zwei der drei hier gehörten Ensembles bestanden zum Großteil beziehungsweise vollständig aus Dozenten der Musikhochschule Carl Maria von Weber. Dass dieser Fokus weder musikalische Provinzialität bedeutete, noch überhaupt eine musikalische Richtung für den Abend vorgab, davon konnte sich jeder Hörer leicht überzeugen. Im Gegenteil wurde dem Konzertgänger ein abwechslungsreiches Programm geboten, das zugleich einen klaren dramaturgischen Bogen über den gesamten Abend spannte.

Das erste Konzert bestritt unter Leitung des Pianisten Rainer Tempel die NDR Bigband, welche hier sechs Stücke aus dem erst jüngst erarbeiteten Programm „Serious Fun“ präsentierte. Tempels Kompositionen prägten vorrangig rockig-binäre Rhythmen und minimalistische Melodien, die in Gestalt kompakter Bläsersätze erklingen oder von solchen harmonisch unterlegt werden. Manchmal sind es nur einzelne Intervalle, die sequenziert und variiert das Thema eines Stücks wie etwa „The Two Hour Weekend” aufbauen. Diesen durchaus modernen Bigband-Sound ergänzte die zumeist auf elektrischen Instrumenten spielende Rhythmusgruppe zum einem homogenen Ganzen. Besonders der für das Projekt gewonnene US-amerikanische Schlagzeuger Jim Black, den man schon gut aus kleineren Formationen wie etwa dem Trio Azul um Bassit Carlos Bica kennt, erwies sich hier ebenfalls als profunder Bigbandspieler, der die gesamte Band souverän von einem Einsatz zum nächsten führte und sich bei aller genutzten Freiheit stets kultiviert in den Gesamtzusammenhang einzuordnen wusste. Dass diese Musik bei aller Präzision und trotz der Vielgestalt solistischen Leistungen phasenweise dazu neigte, statisch zu wirken, wurde leider besonders an dem getragenen Titel „Neighbours“ deutlich, der sich an einer Adaption der Tradition klassischer Klavierkonzerte versuchte. Durchaus sinnvoll passte sich hier der Bandklang durch den Einsatz des gestrichenen Kontrabass' und die Instrumentierung mit Bassklarinette, Klarinette und Querflöte an. Das intendierte Wechselspiel zwischen einem durchgängig solistisch agierenden Konzertflügel und der teils untermalenden teils Motive übernehmenden Bigband konnte allerdings nicht durchgängig überzeugen. Der Pianist Hubert Nuss nutze seine gestalterischen Freiräume, die ihm in den nicht dirigierten Passagen gegeben waren, nur sehr zurückhaltend. Zusammen mit dem auch hier äußerst reduzierten Gebrach melodischer und rhythmischer Figuren erhielt die Komposition so Längen, die auf Kosten des musikalischen Gesamteindrucks gingen.

Entsprechend locker und beweglich trat danach im zweiten Teil des Abends das Acoustic Art Ensemble auf. Dieses Quartett, das gleichsam eine Erweiterung des Dresdner Gitarrenduos Hands on Strings von Stephan Bormann und Thomas Fellow darstellt, kennzeichnete ein durchgängig offener Sound, der durch die Verwendung unterschiedlichster Gitarren wie zwölfsaitiger oder bundloser noch zusätzlich herausgehoben wurde. Die sonstige Instrumentierung mit Rahmentrommeln beziehungsweise Darabukka, gespielt von Reentko Dirks, und dem Sopran-Saxophon des Berliners Volker Schlott fügte sich in einen geschlossenen Gesamtklang und verstärkte zugleich die Reminiszenzen ans Folkloristische. Die vier Musiker zeigten hier ihre Liebe zur eingängigen Melodie, die fast jeden der gespielten Titel unmittelbar bestimmte und durchzog; fast immer konnte dabei die pointierte rhythmische und vor allem dynamische Ausgestaltung überzeugen, was dem Hörer insgesamt den Zugang einfach machte. Dass das Ensemble die Bitte um Zugabe mit einer Interpretation des Standards „Summertime“ quittierte, bedeutete da zuallerletzt leider einen musikalischen Abfall von der eigenen Stärke. Das Stück, dessen Thema zudem auch nur an einigen Stellen zitiert wurde, blieb klar hinter der Unmittelbarkeit zurück, die zuvor gehörte Kompositionen wie etwa „Chewbacca“ kennzeichnete. Die musikalische Idee der Komposition schien hier lediglich als bloßes Vehikel zu dienen, nicht als ein das gemeinsame Spiel bestimmender Kern.

Der Abend schloss mit einer Begegnung, die auf den ersten Blick Erstaunen hervorrufen musste: ein Duo des Freejazz-Schlagzeugers Günter Baby Sommer und des Trompeters Till Brönner, der in den letzten Jahren vorwiegend im kommerziellen Jazz von sich reden machte. Das Ergebnis war jedoch ein erstaunliches Konzert der freien Jazzmusik, das diese von ihrer besten Seite zeigte. Kein musikalisches Durcheinander oder ungeordnetes Einerlei, sondern fünf charakterlich klar voneinander abgegrenzte Stücke, die fast immer von einer konkreten musikalischen Idee durchzogen wurden. Meist war es Sommer, der sich recht schnell für ein Motiv entschied, von dem aus sich dann eine musikalische Unterhaltung zwischen beiden entspann. Brönner orientierte sich zwar mehr an seinem Mitspieler als selbst eigene Anstöße zu geben, übernahm aber rhythmische Figuren, ging auf stilistische Anspielung ein und gestaltete alle Ansätze schlüssig weiter aus. Immer kamen beide wieder auf das zurück, von dem sie ausgegangen waren. Die Konstanz dieser stetigen Bewegung weg und wieder zurück machte deutlich, dass es hier nicht bei dem beliebigen Austausch von Motiven und musikalischen Gedanken stehen blieb, sondern die beiden Musiker sich jeweils einer musikalischen Idee verschrieben, der ihr Spielen durchweg verpflichtet blieb. Die freie Jazzmusik machte hier sich von jedweder Willkür, die sie so oft bestimmt, frei. Alle Konzertbesucher, die auch die Formation Transatlantic Freedom Suite Tentet der vorjährigen Jazztage gehört hatten, werden diesen Unterschied intuitiv wahrgenommen haben. Dass dieses Konzert ebenso begann, wie es endete – mit einem tiefen Gong aus der Stille, in die Stille –, mag aus subjektiver Perspektive als Zufall erscheinen; objektiv entspricht es dem Walten musikalischer Ideen, das hier fast überall die freien Improvisationen zu sinnvollen Einheiten formte.

34. Leipziger Jazztage

Jazz in der Oper

NDR Big Band, Leitung Rainer Tempel

Acoustic Art Ensemble

Duo Till Brönner - Baby Sommer

30. September 2010, Oper Leipzig

Leipziger Jazztage

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