Tobias Prüwer & Franziska Reif | Drucken30.08.2006 

Wanderers Nachtlied

Bobo singt alte deutsche Volkslieder im Lindenfels Westflügel

"Bobo singt Volkslieder" - beinahe wäre man achtlos am Titel der Veranstaltung vorbeigegangen und ein wundervoller Abend verpasst worden. Zum Glück erinnerte man sich an jene Sängerin, die einst mit "Bobo In White Wooden Houses" für Furore gesorgt hat, und war nun sehr neugierig auf ihr neues Projekt.

Es sollte kein Heimatabend werden, und auch die vermeintliche deutsche Gemütlichkeit wurde nicht beschworen. Anstatt einfach irgendwelche Volkslieder anzustimmen - was bei ihrer Sangeskunst bereits ein Erlebnis gewesen wäre - verzauberte Bobo im freien Spiel mit den traditionellen Vorlagen. Alte Weisen wie "Es geht eine dunkle Wolke herein" oder "Die Königskinder" erklangen ebenso wie Präludien von Bach in faszinierenden Variationen, und Gedichte von Goethe und Eichendorff erfuhren eine schöpferische Vertonung. Musikalische Unterstützung fand die Chansonette durch Anne Kaftan an Sopransaxophon und Bassklarinette und Sebastian Herzfeld an Zither, Steelplates und einem elektronisch präparierten Klavier. Das Trio hüllte die ewigen, nicht verstummenden Themen in neue Gewänder. Nicht modernistisch auf Plüsch und Pop getrimmt schwangen Lust und Leid als zentrale Themen stets mit. Bobo griff die Metaphorik des Volksliedes im Gesang auf und gab ihr vokalen Ausdruck. Als "Wildvögelein" verweigerte sie trotzig trällernd jenen das Lied, die es mit Gold und Seide lockten: "...und niemand kann mich zwingen." Mit Megaphon und Mikro intonierte sie einen flüsternd-lärmenden Wechselgesang und im Lied "Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht" perlten die Worte wie Tropfen von ihren Lippen hinab.

Lieder von Schönheit, Lebenslust und Trauer schlugen das Publikum in ihren Bann an einem melancholisch-besinnlichen Abend, für den der intellektualistische Allgemeinplatz von Eros und Thanatos einmal wirklich beschreibende Kraft zukommt. Die Fragen des Lebens waren als Grundmotiv allen Liedern zueigen. Sie spiegelten die Suche nach dem Wesen von Liebe und Glück, weckten Sehnsucht nach Leidenschaft, stimmten das Lob einer gewissen Leichtigkeit des Seins an und forderten zum Tanz. Im Gefühl die Welt umarmen zu wollen oder Stille zu suchen beschrieben sie mal düster, mal fröhlich das Leben und die Welt, die zuweilen - und sei es nur die eigene kleine - auch schön ist.

Traumhafte Klänge und Landschaften wurden in den Raum gemalt und waren im morbiden Charme des Westflügelsaales besonders gut aufgehoben. Wer diesen Abend verpassen musste, kann sich von der anrührenden Schönheit der "Lieder von Liebe und Tod" auf gleichnamiger CD überzeugen, wie auch das betörte Publikum diese mit dem Wunsch nach Fortdauern mitnahm. Denn als Bobo zur zweiten Zugabe "Wanderers Nachtlied" anstimmte, wusste der ausverkaufte Saal:
"...Warte nur, balde
Ruhest du auch."

"Bobo singt Volkslieder - Altdeutsche Volkslieder von Liebe und Tod"

Gesang: Bobo
Saxophon & Klarinette: Anne Kaftan
Präpariertes Klavier & Zither: Sebastian Herzfeld

27. August, Lindenfels Westflügel

www.bobo-in-white-wooden-houses.de

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Erlend Øye im Täubchenthal

Der norwegische Musiker Erlend Øye (Kings of Convenience) gibt im Rahmen seiner Acoustic Tour 2018 am 2. Juni ein Open-Air-Konzert im Täubchenthal. Beginn ist um 19 Uhr.

Casanova in der MuKo

Cusch Jung hat die komische Oper "Casanova" von Albert Lortzing inszeniert. Premiere in der Musikalischen Komödie ist am 2. Juni

Schwanensee nach Mario Schröder

Zu der Ballett-Suite von Peter Tschaikowski hat Mario Schröder "Schwanensee" choregrafiert. Weitere Aufführugen sind am 25. und 26. Mai.

Gefährliche Liebschaften

Das Schauspiel Leipzig zeigt im Gohliser Schlösschen "Gefährliche Liebschaften" von Christopher Hampton. Premiere ist am 2. Juni.

Live-Mitschnitt bei Arte

Das Antrittskonzert von Andris Nelsons als Gewandhauskapellmeister ist noch bis 26. Mai als Live-Mitschnitt in der Arte-Mediathek zu finden.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach