Klaus Ritzkowski | Drucken21.02.2003 

Ernste Musik

Das Gewandhausorchester unter Morten Schuldt-Jensen spielt Werke von Mozart, Schubert und Poulenc im Grossen Concert

Von der Wichtigkeit, ernst zu sein, wusste schon Oscar Wilde zu schreiben. Einen ähnlich gearteten Ernst vermutet man bei einem Komponisten wie Francis Poulenc. Seine Werke sind häufig parodistisch und locker, wirklich Ernstes und Vergrübeltes vermutet man bei ihm eher nicht. Meistens wird das mit der beliebten Erklärung versehen, dass französische Musik eben unbeschwerter sei als die oft trübsinnige deutsche.

Im Fall von Poulenc ist das ganz anders. Wenn man sein Stabat mater im Konzert hört, wird einem dies unmittelbar bewusst. Poulenc hat hier mit Hilfe seiner reichen, von individuellen Eigenheiten gespickten Tonsprache ein wirklich wunderbares geistliches Werk geschaffen. Dass diese Tonsprache überwiegend aus traditionellen Elementen besteht, befördert dabei ein unmittelbares Verständnis beim Hörer. Die einzelnen Sätze dieses Werkes versetzen diesen in ein wahres Wechselbad der Stimmungen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Gewandhauskammerchor zeigt sein ganzes Können und interpretiert diese schlichte, aber doch sehr kunstvolle Partitur unter einer sehr differenzierten Berücksichtigung aller relevanten musikalischen Details. Gerade die Eigenheiten Poulencs, wie z. B. die leichten tonalen Verfremdungen, werden unaufdringlich herausgestellt und nicht glättend unter den Teppich gekehrt. Und wenn dann der vorzügliche Gewandhauskammerchor den lateinischen Text so klar und schlicht hervorbringt, wie in diesem Konzert, dann ist eigentlich alles perfekt. Dementsprechend scheint der Dirigent am Ende mit sich und allen Mitwirkenden sehr zufrieden - und das mit Recht.

Das einzige Manko ist eine etwas irritierende Angewohnheit der Solistin Marika Schönberg. Sie beginnt ihre Töne sehr leise und erreicht erst nach einer Verzögerung das erwünschte Volumen. Ihr Part erklingt folglich immer wie zu spät gekommen, was den ansonsten vollkommenen Gesamteindruck ein wenig stört. Derselbe Delay-Effekt dann leider auch bei der Schubert-Messe: ein quasi perfekter Gesamteindruck, bis auf diese zu leise angesetzten Töne der Sopranistin. Besonders zu loben ist auch hier wieder die Leistung des Chores, insbesondere diejenige der Chorsolisten, aber auch die des Dirigenten. Morten Schuldt-Jensen präsentiert uns eine Interpretation, die dem Komponisten Schubert voll und ganz angemssen ist. Die Musik erhält eine Ausdrucksstärke von zuweilen fast schmerzhafter Intensität. Trauer, Verzweiflung, tiefer Schmerz und bisweilen ein kurz durchscheinender Trost, der dann doch wieder eingetrübt wird; das alles holt Schuldt-Jensen mit Hilfe von Chor und Orchester aus dieser Messe heraus.

Was den Ernst angeht, so ist man bei Schubert also gut aufgehoben. Das Werk harmoniert mit dem Stabat mater Poulencs und wirkt stilistisch wie eine Weiterentwicklung der geistlichen Kompositionen Mozarts. Insofern ist auch dessen Adagio und Fuge c-Moll für dieses Programm gut gewählt, als ernste Musik eines nicht immer ernsthaften Menschen. Aber Ernstsein ist bekanntlich ja auch nicht alles.

Grosses Concert

Wolfgang Amadeus Mozart:

Adagio und Fuge c-Moll, KV 546 (Fassung für Streichorchester)Francis Poulenc: Stabat Mater (für Sopran, Chor und Orchester)Franz Schubert: Messe Nr. 6 Es-Dur, D 950

Gewandhausorchester und Gewandhauskammerchor
Morten Schuldt-Jensen, Dirigent
Marika Schönberg, Sopran

21. Februar 2003, Gewandhaus, Großer Saal

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