Frank Sindermann | Drucken30.12.2002 

Wie schnell doch ein Jahr vergeht

Beethovens Neunte zum Jahreswechsel, Beethoven-Zyklus III,mit dem MDR Rundfunkchor und dem Gewandhausorchester

Halbzeit im Beethoven-Projekt des Gewandhauses: Nachdem in dieser Saison bislang die Sinfonien 2-5 zur Aufführung gekommen sind (siehe hierzu die Rezensionen im Leipzig-Almanach), steht nun die 9. Sinfonie auf dem Programm. Dieses bislang dritte Konzert des Zyklus' nimmt eine besondere Stellung ein, handelt es sich hierbei doch um die traditionelle Aufführung der ?Neunten? zum Jahreswechsel. Der ?Leipzig-Almanach? wird die weitere Entwicklung des Beethoven-Projekts auch im Jahr 2003 regelmäßig im Auge behalten und am Ende in einer Nachbetrachtung versuchen, den Leipziger Beethoven-Ansatz kritisch zu würdigen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das gilt auch beim Kartenkauf für eines der "Top-Events" des Leipziger Kulturbetriebs, die Aufführung von Beethovens "Neunter" zum Jahreswechsel. Bereits Monate vorher sind die drei Konzerte ausverkauft und das trotz nicht gerade publikumsfreundlicher Preise. Aber weshalb scheuen die Menschen weder Kosten noch Mühen, um eines der Konzerte besuchen zu können? Ist es Beethovens Musik, Schillers ?Ode an die Freude", das gesellschaftliche Spektakel, oder einfach der Temin am Jahreswechsel? Nun, vermutlich von allem etwas.

"Alle Menschen werden Brüder." Zu Schillers und Beethovens Zeiten mag noch jemand daran geglaubt haben, heute kann sich das wohl kaum jemand ernsthaft vorstellen. Während überall in der Welt Krieg herrscht und man in Deutschland einander nicht die Butter auf dem Brot gönnt, pilgert ein zumeist gut betuchtes Konzertpublikum in das Gewandhaus und sonnt sich in dem Humanismus, den es nicht selten selbst zugunsten der "Ich-AG" wegrationalisiert hat. Nicht einmal im Konzertsaal springt der menschliche Funke über. So handelt sich eine ältere Dame unzählige mordlustige Blicke ein, als sie den Frevel begeht, kurz einmal zu husten.

Schade, dass Beethovens großartige Utopie, von einer kurzen Phase der Begeisterung abgesehen, kaum etwas in den Menschen verändert. Und das um so mehr, als Herbert Blomstedt jemand ist, der sich stark mit Beethovens humanistischen Idealen identifiziert und der redlich bemüht ist, diese Haltung in die Aufführung einzubringen. Damit hebt er diese weit über ein musikalisch gelungenes Konzert hinaus, auf die Ebene eines Bekenntnisses zu den guten Seiten des Menschen, die im Alltag so selten zu finden sind. Natürlich gilt auch hier, dass die Musik ohnehin besonders zu denen spricht, welche ihre Ideale bereits teilen (oder zu teilen glauben). Sie wäre wohl kaum in der Lage, jemanden vom Saulus zum Paulus zu bekehren. Aber das wäre ja auch zuviel verlangt.

Was die musikalische Seite angeht, kann man nur von einem absoluten Glücksgriff sprechen. Die vereinten Chöre von Gewandhaus und MDR erfüllen Beethovens musikalische Vorgaben (die beinahe an Körperverletzung grenzen) in beeindruckender Weise. Die Solisten, vor allem Sylvia Greenberg und Carsten Stabell, meistern ihre undankbaren Partien vorbildlich. Das Gewandhausorchester spielt schlicht hinreißend und stellt erneut seine herausragende Stellung in der deutschen, wenn nicht europäischen Orchesterlandschaft unter Beweis. Der unnachahmliche Streicherklang und die wunderbaren Soli der Bläser (Oboe, Fagott!) lassen einmal mehr aufhorchen. Auch die hervorragende Orchesterdisziplin, welche nie zu Lasten des Ausdrucks geht, verdient hohe Anerkennung. Herbert Blomstedt dirigiert auswendig und gestaltet doch feinste Nuancen plastisch aus. Die vielen einzelnen Steigerungen und Höhepunkte der Sinfonie spannt er dabei in eine mitreißende Dramaturgie ein, welche den Schlusssatz nicht als aufgesetzten Kantatenverschnitt, sondern als zwingend notwendige Konsequenz des Vorangegangenen erleben lässt.

Im ersten Satz bekennt Blomstedt sich zu Kontrast und Zerrissenheit, aber ohne dabei die Zügel aus der Hand zu geben. Unter seiner Leitung entfesselt das Orchester sinfonische Elementarkräfte von großer Eindringlichkeit und bleibt dabei doch stets von brachialer Gewalt weit entfernt. Im zweiten Satz überzeugen vor allem das filigrane Zusammenspiel der verschiedenen Streichergruppen und die große dynamische Bandbreite, welche ein subtiles Differenzieren innerhalb dieses vielgestaltigen Satzes erst ermöglicht. Ein besonderes Lob verdient an diesem Abend der Pauker, der gekonnt die so verschiedenen Anforderungen jedes Satzes umsetzt, die Mittel dabei immer gut dosierend, anstatt in ein billiges "viel hilft viel" zu verfallen. Der dritte Satz bildet den musikalischen Höhepunkt der Aufführung. Er gerät wie aus einem Guss und lässt klanglich bereits das Elysium erahnen. Das Finale überzeugt vor allem durch eine gelungene Staffelung, was den Spannungsaufbau angeht. Weder wird dem Schluss durch frühzeitige Effekthascherei der Wind aus den Segeln genommen, noch wird der Anfang zu schläfrig angegangen. Der Finalsatz der "Neunten" ist in mancher Hinsicht recht seltsam und verschroben. Wenn trotzdem so etwas wie Geschlossenheit erreicht wird, ist das eine Meisterleistung des Dirigenten, die aber ohne besonderes Engagement von Solisten, Chor und Orchester nicht zu verwirklichen wäre.

Nach dem Konzert liegt draußen Schnee. Wer aus dem Gewandhaus in den Winterabend tritt und seinen Blick zum Himmel wendet, der mag sich vielleicht einen kurzen Moment lang fragen, ob dort oben nicht vielleicht doch ein lieber Vater wohnt - bevor im Parkhaus der erbitterte Kampf um die Pole Position beginnt.

Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

Sylvia Greenberg, Sopran
Iris Vermillion, Alt
Christian Elsner, Tenor
Carsten Stabell, Bass

Gewandhauschor, Gewandhauskinderchor
MDR Rundfunkchor
Gewandhausorchester

Dirigent: Herbert Blomstedt

30.12.2002, Gewandhaus, Großer Saal

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