Steffen Kühn | Drucken28.11.2011 

Die Grammatik der zeitgenössischen Musik

Wien Modern zeigt einen atmosphärischen Kanon

Festivalplakat

Harrison Birtwistle ist sich ziemlich sicher: „Das Einzige, was ich bewusst nie wollte, war englische Musik! Sie war das Einzige, dem ich mich mit aller jugendlichen Arroganz immer wiedersetzt habe.“ Der Wiener Komponist Friedrich Cerha ist ob aller regionalen Kategorisierungen sowieso erhaben, mit 85 Jahren hat er die audiophilen Entwicklungen der letzten 60 Jahre miterlebt und mitgestaltet. Die Programmierung des heutigen Großen Konzertes im Rahmen von Wien Modern hat die beiden Altmeister Birtwistle und Cerha als Klammer um Kompositionen einer jüngeren Generation gelegt: Emily Howards Solar und Gerald Reschs Violinkonzert Schlieren im 1. Teil des Abends und im 2. Teil als Eröffnung nach der Pause die Uraufführung des im Auftrag von Wien Modern 2011 von Emily Howards komponierten Stückes Calculus of the Nervous System. Diese Klammer und auch die Reihenfolge der Werke erweist sich als ausgesprochen gelungen.

Harrison Birtwistles An imaginary landscape weitet den Raum, geographische Perspektiven und Stimmungen werden spürbar. Die Blechbläser werden von zwei Gruppen Kontrabässen, links und rechts der Bühne, eingerahmt. Die musikalischen Strukturen verhaken sich, schieben sich ineinander, eine dichte Fläche wird gelegt, im heutigen Programm die perfekte Stimmung für Emily Howards Solar. Hier ist alles Ausdruck, tiefes Blech bäumt sich auf zu Beginn, funkelnde Streicherflächen erhellen die Atmosphäre. Das ist Musik pur ohne Vorspeise quasi, um einen kulinarischen Vergleich zu wagen, ist man mitten im Hauptgang der schwer aber kontrastreich ist.

Gerald Reschs Violinkonzert Schlieren stand 2005 auf dem Programm von Wien Modern, damals als Uraufführung mit Patricia Kopatchinskaja als Solistin, Gerald Resch dazu: „Die Solokadenz soll improvisiert werden. Patricia hat damals [2005, Anm. d. A.] eine Materialsammlung wichtiger Elemente des Stücks von mir bekommen… Es wird bei Benjamin Schmid in jedem Fall eine ganz andere Solokadenz sein als bei Patricia.“ Es war auch anders, muss man feststellen. Ob es daran lag, oder Reschs Stück einfach noch etwas reifen musste – wer weiß? Heute jedenfalls zeigt sich Schlieren als dichtes dynamisches Stück. Auf der formalen Ebene ist es eine Freude, wie sich das Format des klassischen Violinkonzertes im zeitgenössischen Schaffen heute präsentiert. Das sind durchaus klassische Strukturen wie der Solopart das Orchester inspiriert ja antreibt oder solistisch neue Felder erschließt. Benjamin Schmid fühlt sich wohl in der Möglichkeit selbst Akzente zu setzen in dem vorgegebenen Improvisationsrahmen. Fast wie ein Derwisch, dieser visuelle Vergleich sei hier erlaubt, tänzelt er zur Musik. Schlieren ist auf eine subtile Art modern, in der heutigen Interpretation ein wichtiger Beitrag zur Literatur des Violinkonzerts.

Nach der Pause die Uraufführung: Emily Howards „Berechnung des Nervensystems“ ist das dritte Stück in einer Reihe, die sich mit der Mathematikerin Ada Lovelace, Tochter von George Gordon Byron beschäftigt. Exzentrisch wie ihr Vater verfolgte Ada Lovelace kuriose Projekte. In Calculus of the Nervous System versuchte sie eine Formel dafür zu finden, wie das Gehirn Gedanken und wie die Nerven Gefühle erzeugen. Bei Howard ist das die Suche nach einer Gleichung die „bedeutendes und bewegendes musikalisches Material hervorbringen kann“, so Emily Howard über ihre Komposition. Ihr Stück erinnert im Duktus sehr an Solar, das Stück ist allerdings fragmentierter und gefällt sich über weite Strecken in Minimalismus: sehr, sehr leise, lange Pausen, John Cages Stück 4′33″ taucht in der Erinnerung auf. Calculus zerfällt zum Teil in seine handwerklichen Strukturen wirkt formelhaft und wäre nicht James MacMillan gewesen, der heute das erste Mal das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien dirigiert, der mit Verve die wenigen Zusammenhänge herausarbeitet, Calculus hätte das schlüssige Programm leicht zerreißen können. So aber leitet Howards Stück in Friedrich Cerhas Wie eine Tragikomödie über. Das Stück beginnt mit gewaltigen Orchestertuttis gestützt durch jazzige Momente des Bläsersatzes. Es entsteht ein Drive, wie er am Ende eines Konzertes schöner nicht sein könnte, immer wieder eingeholt durch die Laute, die wieder etwas Ruhe und Besinnung in die Partitur bringt. Friedrich Cerha beherrscht sein Vokabular, seine musikalischen Ideen sind gelassen auf der einen und dann wieder mutig und entrückt auf der anderen Seite. Wer könnte so einen wunderbaren Schluss komponieren? Ein dunkler Loop, der sich kaum spürbar steigert mit Energie auflädt und mitten in der Entladung ist das Stück plötzlich vorbei – großartig!

Das Faszinierende des heutigen Abends war so etwas wie eine Grammatik der modernen Musik zu erleben, die über die Generationen und Ländergrenzen spürbar wurde, so ein typisches Leuchten ob nun in Birtwistles Blechbläsern, in Howards Streicherflächen, in Reschs Solokadenzen oder in Cerhas Orchestertuttis. Es gibt ihn doch den Kanon der zeitgenössischen Musik, doch anders als in früheren Generationen manifestiert er sich nicht in der musikalischen Form, sondern in der Atmosphäre der Musik, eine Atmosphäre, welche unsere heutige Geschwindigkeit, unsere heutigen Vorstellungen irgendwie einfängt und hörbar macht. Die Form und die Struktur sind dabei sehr vielfältig wie heute mit der gelungenen Programmierung sichtbar wurde.

Harrison Birtwistle: An imaginary landscape

Emily Howard: Solar

Gerald Resch: Schlieren für Violine und Orchester

Emily Howard: Calculus of the Nervous System (UA)

Friedrich Cerha: Wie eine Tragikomödie

ORF-Radio-Symphonieorchester Wie
Violine: Benjamin Schmid
Dirigent: James MacMillan

20. November 2011, Wiener Konzerthaus, Großer Saal


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