Steffen Kühn | Drucken08.12.2010 

Auf der Suche nach dem verlorenen Zuhause

Wien Modern authentisch: Österreichs größtes Festival für Neue Musik setzt 14 Orte Wiens in Szene

Alte Schmiede des Kunstvereins Wien (Foto: Steffen Kühn)

Paul Virilio stellt in seinem 2008 entstandenen Video „Exit House“ die Frage, ob der heutige moderne zirkulierende Mensch überhaupt noch einen Ort hat, den er sein „Zuhause“ nennen kann oder nennen will. Auch die Besucher von Wien Modern sind solche von Virilio betrachteten Menschen: ständig in Hochgeschwindigkeitszügen und Flugzeugen unterwegs, die Straßen, Bahnhöfe und Flughäfen sind zum „Zuhause“ geworden, im wirklich ursprünglichen Sinn. Man ist über Mobiltelefon oder Computer ständig erreichbar wie früher, wenn man „zu Hause“ war. Längst ist die erste Frage am Handy „Wo bist‘n Du gerade“ verdrängt, das ständige Unterwegssein ist Normalität geworden.

Wien Modern verfolgt seit Jahren das Konzept, die fast 50 Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet zu präsentieren. Der Fokus liegt also neben der Musik auch auf den 14 Orten des Festivals. 14 verschiedene Orte aus ganz unterschiedlichen Epochen, mit ganz unterschiedlichen Nutzungen. Wien Modern stemmt sich damit ein wenig gegen die omnipräsente Bedeutung der Bewegung sowie der Austauschbarkeit und Uniformierung von Orten. Authentische musikalische Orte in Wien zu erleben, ist die prägende Erfahrung des Festivals.

Im Mozartsaal des altehrwürdigen Wiener Konzerthauses, vis-à-vis dem Stadtpark, dessen goldene Richard-Strauss-Statue in diesem Jahr Hauptmotiv des Festivals ist, erlebt man die Musik der Gegenwart in engen Stuhlreihen, umsorgt von einer schier unzähligen Anzahl an rot uniformierten Platzanweiserinnen. Das portugiesische Ensemble Remix Ensemble Casa da Música läuft am 17. November im Mozartsaal zu einer produktiven Performance auf. Allein die in verschiedenfarbigen Hemden auftretenden Musiker vermitteln einen frischen lebendigen Eindruck. Lebendig steigen sie in „….es….“ ein, jenes Stück von Mark Andres aus dem Jahr 2008. Exzellent wie sich die vertikalen Strukturen langsam verdichten, mit welch trockenem Klang die beiden Flügel die Struktur behutsam stützen, bevor Harfe und Bass einen imaginären Raum aufspannen. Stakkatoartig steigert sich das gesamte Ensemble zu flächigen Tuttis und heftigen Pizzicati. Emilio Pomárico gelingt dann ein wunderbarer Schluss – die Aktionen gleichen sich klanglich langsam an, werden immer leiser bevor das Stück quasi verschwindet.

Großer Saal des Wiener Konzerthauses

Am 19. November füllt Wien Modern dann den Großen Saal des Wiener Konzerthauses mit einem zauberhaften Programm. Das ORF Radio-Symphonieorchester unter Beat Furrer beginnt mit den „Sechs Stücken für Orchester op. 6“ von Anton Webern. 1906 entstanden und 1928 nochmal umgearbeitet, zeigt sich hier ein Komponist, der scheinbar vor hundert Jahren heutige Kompositionsansätze vorweggenommen hat. Die kleinen Stücke sind zirkulierende kleine Kosmen, die dennoch in einer höheren Ästhetik zusammenfinden. Bewegungen, die durch ein komplexes Labyrinth in ein gemeinsames Ziel strömen. Beat Furrer führt das riesige Orchester dann sehr konzentriert weiter durch Roman Haubenstock-Ramatis Komposition „Nocturnes“, ein Stück, welches mit zartesten Percussion-Aktionen beginnt. Schier außerirdische Klangflächen füllen den Großen Saal. Man ist bemüht, sehr konzentriert zu hören. Wie kreisende Winde läuft der Klang durch den Raum. Raum ist dann auch Thema des letzten Stückes: „Coptic Light“ von Morton Feldman hat dieses typische amerikanische Thema der Weite, der Auflösung des Raumes. Leichte Verschiebungen in der sehr repetitiven Struktur lassen immer wieder neue Perspektiven entstehen, die letztlich den Horizont aufheben.

Ein ganz und gar anderer Ort erwartet den Zuhörer am 20. November um 17 Uhr. Der Kunstverein in der Schönlaterngasse stellt Wien Modern seine Alte Schmiede zur Verfügung. Der überwölbte Raum im Souterrain scheint noch vollständig in Betrieb zu sein, auf den Werkbänken liegen unzählige Zangen, Hammer und sonstige zum Schmieden notwendige Geräte. Hier in dieser vom Schmiedefeuer verrauchten Atmosphäre ein weißes Cembalo aufzustellen, war eine gute Idee. Die Stücke sind bis auf Christians Piendorfers „PSI“ alle für Cembalo und Flöte instrumentiert, „PSI“ behauptet sich als frisches Intermezzo von hoher Geschwindigkeit. Maja Mijtovic am Cembalo: exzellent! Die Ankündigung die beiden Uraufführungsstücke – Tomasz Skwers' „Autismus“ und Fernando Riederers „undisturbed solitude“ zu wiederholen, könnte wienerischer nicht sein. In Arnold Schönbergs Privataufführungen war es üblich, das zu tun, und auch heute beweist es sich als formidabler Zugang zu ungehörter Musik. Außerdem ist das die Möglichkeit für die Interpreten nach der Anspannung der Uraufführung die Stücke nochmal (entspannter) zu spielen. Gerade bei „undisturbed solitude“ gelingt das hervorragend. Vielleicht lag es auch am Wegfall der elektronischen Verstärkung, jedenfalls kommt die kontrastierende Struktur beim zweiten Mal viel farbiger zum Vorschein, die Töne – wie Scelsi es gerne sagte – mit einer dritten Dimension, sie werden rund und breiten sich wunderbar nuancenreich im Gewölbe aus. Ein Konzerterlebnis, welches unmittelbar mit dem speziellen Ort zu tun hat, als hätte Fernando Riederer den Genius loci der Alten Schmiede in Musik gesetzt.

Das Abschlusskonzert am 20. November um 20 Uhr im Odeon in der Taborstraße ist örtlich und räumlich der Höhepunkt des Festivals. Der riesige Raum der alten Börse in seinem morbiden Charme hat an sich schon etwas sehr Theatralisches. Theatralisch und szenisch arbeitet die heutige Performance „2011: secret adventures“. Harrison Birtwistles „Secret Theatre“ für Ensemble sowie György Ligetis „Adventures“ und „New Adventures“ für drei Sänger und sieben Instrumentalisten werden in einem fortlaufenden Kontinuum szenografiert. Ligeti hat in seinen Miniaturdramen versucht Musiktheater weiterzuentwickeln. Experimente zwischen Groteske, Lautpoesie, Aktionismus, Musik und Theater hat er in eine exakt auskomponierte Partitur gesetzt, ein Feuerwerk dadaistischer Lautäußerungen. Der gerade in einer großen Ausstellung geehrte Wiener Lautpoet Ernst Jandl lässt grüßen. Wo Ligeti expressiv arbeitet, wendet sich Birtwistle eher einem rituellen spartanischen Klangtheater zu. Er inszeniert nur die klanglichen Ebenen, den Raum, in dem unter anderem eine Spannung zwischen dem sitzenden Ensemble und den sich daraus lösenden Musikern entsteht. Die stehenden Musiker führen dann den „Cantus“ aus. Regisseur Michael Scheidt nutzt die überreichen räumlichen Möglichkeiten des Odeons, um die Ideen von Reinhard Fuchs, Michael Losek und Simeon Pirnkoff umzusetzen. Die Inszenierung schließt die oft entstehende Lücke in der Vermittlung von Neuer Musik, die Szenografie vermittelt durch abstrakte assoziative Elemente Stimmungen, die man annehmen kann oder nicht. Die meisten im Publikum nehmen das Angebot gern an. Im zweiten Teil während der kraftvollen, äußerst dichten Komposition Birtwistles knister es vor Spannung im Saal.

Letzter Ort dann Garage X am Petersplatz, Lokation der Abschlussparty von Wien Modern. Die Spannung aus dem Odeon vermag hier leider nicht aufzukommen, auch sind nur wenige der Einladung zum Feiern gefolgt. Schade, irgendwie fühlt sich Wien Modern hier nicht „zu Hause“. Aber auch diese kontrastierende Erfahrung ist gut und bringt nochmal ins Bewusstsein, an welch tollen Orten sich Wien Modern 2010 wieder präsentiert hat.

Wien Modern 2010

29. Oktober – 20. November 2010


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