Rainer Schöbe | Drucken29.03.2012 

Geburtstagsständchen

Die Jubilare Wolfgang Rihm und Franz Liszt im Grossen Concert

„Von der Wiege bis zum Grabe“ komponierte
Franz Liszt im hohen Alter

Wolfgang Rihm ist neben Helmut Lachenmann der derzeit bekannteste lebende deutsche Komponist. Er ist omnipräsent und dies sowohl in den Abonnementkonzerten der großen Sinfonieorchester als auch auf den etablierten Festivals der Neuen Musik, wie etwa den Donaueschinger Musiktagen, werden seine zumeist ausladenden Werke gespielt.

Seinen 60. Geburtstag nahm Gewandhauskapellmeister und Rihm-Freund Riccardo Chailly zum Anlass, ein neues Werk für das Gewandhausorchester beim groß gewachsenen Rihm in Auftrag zu geben. Da verwundert es etwas, dass an diesen Abenden nicht Riccardo Chailly, sondern der hiesige Opernintendant und –GMD Ulf Schirmer am Pult steht. Entstanden ist „Samothrake“ für hohen Sopran und Orchester. Es ist ein ausladendes Orchesterlied auf einen neu entdeckten Text des Malers und Dichters Max Beckmann. In Ihm reflektiert Beckmann, so Rihm in einem Interview anlässlich der Uraufführung, die „Situation des durch die Kriegs- und Weltlage zersplitterten Wertekonsens“.

Solistin ist Anna Prohaska, die laut Wolfgang Rihm die „Idealbesetzung“ für das Stück darstellt. Und wie sie die atemberaubend hohen Stellen bezaubernd schön, dabei stets unangestrengt und textverständlich bewältigt, macht des Komponisten Aussage verblüffend deutlich nachvollziehbar. Ihre klare Stimme ist, auch auf kompositorischer Ebene, in den teils dichten, teils lichten Orchestersatz wie ein Instrument verwoben. Das Gewandhausorchester spielt das Stück wunderbar klar und, wo nötig, auch mit herausfahrender Kraft. Da verwundert es nicht, dass „Samothrake“ beim Neue-Musik-skeptischen Gewandhauspublikum hervorragende Aufnahme findet. Denn eines muss hier gesagt werden: Dies ist keine Neue Musik im Sinne innovativer Suche nach neuen Klängen, hervorgebracht etwa durch ungewöhnliche Spieltechniken, hier wird nach alter Manier ein Gedicht vertont.

Luciano Berio hat in seiner „Sequenza“ für Sopran aus den 1970er Jahren die Stimme für Komponisten neu erkundet, mit herausragenden Resultaten und interessanten Einblicken in die phonetischen Möglichkeiten an die fast alle nachfolgenden Tonschöpfer anknüpften. Das alles, auch die Errungenschaften der Nachkriegsavantgarde, interessiert Rihm nicht. Er verlässt sich, wie seit Jahrzehnten, auf seine Begabung und seinen Instinkt. Und man muss ihm attestieren, dass dies funktioniert. Es ist einfach ein schönes Stück. Und es ist so schön, Rihm ist so bedeutend, dass jedwede Kritik quasi daran abgleitet. Dennoch muss diese Kritik, auch im Jubiläumsjahr und vielleicht jetzt noch mehr geäußert werden. Zumal Wolfgang Rihm all dies, die Musikgeschichte der letzten 50 Jahre, wie kaum ein anderer kennt und sie in seinem Kompositionsunterricht auch vermittelt. Es bleibt eine offene Frage, warum er in diesem, an Alban Berg („Wozzeck“) und Richard Strauss (z.B. „Elektra“, Orchesterlieder) erinnernden Klanggestus festhält, ihn mit einigen klangfarblichen Raffinements auflädt und letztlich nur geringfügig dissonanter schreibt. Die Welt hat sich jedoch im Vergleich zur Zeit eines Berg und Strauss massiv verändert, vor allem in Europa nach zwei verheerenden Kriegen. Das ist ja auch die oben erwähnte Thematik Beckmanns. Kunst hat auf solche Entwicklungen zu reagieren. Dies ist Teil ihrer unbedingten Notwendigkeit zu jeder Zeit und legitimiert sie. Eigentlich ist Rihm dem Text somit nicht gerecht geworden. Doch zu gönnen ist Wolfgang Rihm in seinem Jubiläumsjahr dieser schöne Erfolg, dem mit Sicherheit sehr viele weitere folgen werden.

Noch vor „Samothrake“ erklang das Werk eines weiteren Jubilars: Franz Liszts „Von der Wiege bis zum Grabe“. Diese späte sinfonische Dichtung Nr.13 muss als absolute Rarität gelten. Und wenn man der Aufführung des Gewandhausorchesters unter Ulf Schirmer, den das Orchester sehr schätzt, aufmerksam lauscht, weiß man auch, warum es selten zu hören ist. Es ist spröde, ein großer Bogen stellt sich vor allem im ersten Satz „Die Wiege“ nicht ein. Da wechselt sich eine schöne Streicherlinie mit der nächsten ab, aber es will nicht so recht in die Gänge kommen. Der zweite Satz „Der Kampf ums Dasein“ stellt einen absoluten Kontrast dazu dar. Schnell und mit einigem Furor wird hier Spannung erzeugt, die sich im Blech dann auch ordentlich entlädt. Satz 3 „Zum Grabe: Die Wiege des zukünftigen Lebens“ nimmt die Atmosphäre des ersten Satzes folgerichtig wieder auf, verknüpft sie mit Reminiszenzen an Nr.2 und verklingt dann zart. Insgesamt doch ein eher mattes, altersmildes Stück.

Das völlige Gegenteil war nach der Pause zu hören. Mit Richard Strauss „Sinfonia domestica“ stand ein Werk auf dem Programm, wie es zum Gewandhausorchester nicht besser passen könnte. Der Klangfanatiker Strauss und die auf dunklen Schönklang ausgerichteten Gewandhäusler unter dem Operndirigenten Ulf Schirmer: Diese Kombination ging voll auf. Trotz einiger Längen, die man dem Stück attestieren muss, vor allem in der ersten Hälfte, entwickelte sich ein sagenhafter Klangrausch, der von der großen Besetzung und ordentlich draufspielenden Blechbläsern und Schlagwerkern zum Triumph geführt wurde. Besonderes Lob gebührt dem ersten Solotrompeter Lukas Beno, der seinen spektakulär hohen Part wunderbar majestätisch über das Tutti hob und wo nur ganz am Schluss die Anstrengung, die diese Partie mit sich bringt, andeutungsweise hörbar war. Großer, langer Beifall für Schirmer und das Gewandhausorchester.

Erwähnt werden muss, dass das Gewandhausorchester mit dem Werk von Wolfgang Rihm die nunmehr sechste Uraufführung dieser Spielzeit gab (nach Werken von Carlo Boccadoro, Friedrich Cerha, Bruno Mantovani, Colin Matthews und Steffen Schleiermacher im Rahmen des Beethoven-Zyklus’ im vergangenen Herbst). Zusammen mit der jüngst gespielten Deutschlandpremiere des Klarinettenkonzertes von Kaija Saariaho und der noch kommenden Uraufführung einer Bearbeitung von Bachs „Goldberg-Variationen“ von Jochen Neurath ist dies ein sehr zu begrüßender Einsatz für die Musik unserer Zeit, an dem sich der benachbarte MDR, der eigentlich per Kultur- und Bildungsauftrag auch zur Pflege der Neuen Musik verpflichtet ist, ein Beispiel nehmen sollte, anstatt Konzertreihen wie die „Sendermusiken“ gegen Länderschwerpunkte mit anschließendem Diner auszutauschen.

Grosses Concert

Franz Liszt: „Von der Wiege bis zum Grabe“ symphonische Dichtung Nr.13 nach einer Zeichnung von Michael Dichy

Wolfgang Rihm: „Samothrake“ für hohen Sopran und Orchester, Uraufführung, Auftragswerk des Gewandhauses zu Leipzig, Wolfgang Rihm zum 60. Geburtstag

Richard Strauss: „Sinfonia domestica“

Sopran: Anna Prohaska

Gewandhausorchester

Leitung: Ulf Schirmer

15. März 2012, Gewandhaus Großer Saal


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