Dr. Joachim Reisaus | Drucken23.05.2004 

Würdig und ergreifend

Das diesjährige Bachfest endet mit der „Messe in h-Moll” unter dem Dirigat von Eric Ericson

Johann Sebastian Bachs Opus summum, seine Messe in h-Moll für 2 Soprane, Alt, Tenor, Bass, vier- bis achtstimmigen Chor, 3 Trompeten, Pauken, Corno da caccia, 2 Flöten, 3 Oboen, 2 Oboen d´amore, Streicher und Basso continuo wäre nicht denkbar ohne das Vorangegangene, wie die in schlichte Natürlichkeit eingebundene Humanitas der Matthäuspassion, wie die Johannespassion in ihrer dramatischen Schlagkraft oder die von Liebe und Jubel erfüllte Innerlichkeit des Weihnachtsoratoriums; eingegangen sind aber auch Glanz und Festlichkeit seiner Instrumentalwerke. Was Bach letztendlich dazu brachte, eine Messe zu komponieren, blieb bis heutigentags unbekannt, zumal ein solches Werk in all seinen Teilen im Leipziger Gottesdienst keine Verwendung finden durfte. Vermutlich hat deshalb Bach selbst sein großes Chorwerk auch nie vollständig hören können.

Die Messe ist ein Mysterium-Drama, wo Beständigkeit und Wandlung des Lebens als ewiger Kreislauf zur Darstellung gelangen. Das Erlebnis ihrer Geheimnisse erweckt Anteilnahme an einer Raum und Zeit überschreitenden Erfahrung. Was das Messereignis zu wirken in der Lage ist, kann durchaus auch ohne Ritus erfolgen. Vermutlich könnte hier die Erklärung dafür liegen, weshalb sich Bach als evangelischer Christ in diese jahrhundertealte Liturgie dermaßen tief hineinversetzte, dass eine der größten Tonschöpfungen überhaupt entstehen konnte, wobei die Absicht, mit einem derartigen Werk in Dresden den Titel eines Hofcompositeurs zu erlangen, ein lediglich äußerer Anlass gewesen ist.

Im Abschlusskonzert übernahmen es diesmal schwedische Künstler, Bachs letztes Meisterwerk unter der Leitung des hochverdienten 85 jährigen Bach-Experten Eric Ericson zur Aufführung zu bringen:

Marie Alexis, Sopran I / Jenny Ohlson, Sopran II
Maria Sanner, Alt

Johan Christensson, Tenor / Gunnar Birgensson, Bariton
Ove Petterson, Bass

Eric Ericson Kammerchor
Drottningholm Barock- Ensemble

Allen Beteiligten gelang eine makellose Aufführung von ergreifender Erhabenheit. Unter der fachkundigen Leitung Ericsons entstand der Endruck, als würden die Grenzen des Kunstwerkes überschritten. Es leuchtete etwas von dem auf, was als das Heilige bezeichnet werden könnte und sich weltweit in allen Glaubenslehren wiederfindet.

Bach schuf mit der Vertonung des altehrwürdigen Messtextes ein Werk zeitloser Bedeutung. Als Komponist war er in dieser durchaus katholisch anmutenden Messe bestrebt, das prächtig Objektive, das Überwältigende des Glaubens musikalisch zu gestalten, so wie es sich in den Kathedralen des Mittelalters offenbart hatte. Quoniam to solus sanctus, Denn Du allein bist heilig singt im Gloria der Bass (Ove Pettersson) mit ehrfurchtgebietender Feierlichkeit. Nach alter christlicher Tradition setzt Bach immer dann die tiefste menschliche Stimme ein, wenn das Göttliche zum Ausdruck gebracht werden soll. Selbst der Glanz bestimmter Hauptchöre deutet auf das Majestätische hin im Glauben an Gott. Gleichzeitig gab der Thomaskantor in anderen Stücken, wie beispielsweise im Christe eleison (makellos von Marie Alexis und Jenny Ohlson gesungen), der subjektiven Seite, der nach innen gekehrten Gläubigkeit breiten Raum, wie es eigentlich der protestantischen Frömmigkeit entspricht. Ganz in diesem Sinne deutete Beethoven später das Dona nobis pacem als "Bitte um inneren und äußeren Frieden".

Eine solche Verschränkung von Objektivem und Subjektivem im Sinne einer von der Theologie her bestimmten Dramaturgie durchzog auch die Interpretation der schwedischen Künstler vom Kyrie bis zur Schlusskadenz des Dona nobis pacem. Ohne Pathos, in zu Herzen gehender Schlichtheit und Demut erklang das Qui tollis peccata mundi, glanzvoll im Gegensatz hierzu das Sanctus, wobei die diskret verwendeten Trompeten und Pauken eine wunderbare Wirkung erzielten. Im Benedictus führte Johan Christensson seine Tenorstimme exzellent. Das Ohr wartete schon jedes Mal auf die mühelos gesungenen exponierten Töne, um sich an ihnen zu erfreuen. Auch im Pleni sunt coeli und dem Osanna beeindruckte kein Bombast, sondern ein Maßhalten in Weisheit. Innerlich tief bewegt sang die Altistin Maria Sanner das Agnus Dei. In der Bitte um Frieden vermied Ericson jegliche Weichheit im Vortrag. Unter seiner Leitung erklang das Dona nobis pacem voller Zuversicht und Hoffnung, so wie es sich Bach vermutlich in seiner tiefen Gläubigkeit auch vorgestellt hatte.

Bei allem Einfühlungsvermögen in Bachs Intention, welche jeden Klang der Aufführung durchdrang, ergab sich aus der Interpretation des Gloria doch die Frage, warum Ericson zwischen Et in terra (Nr. 5) und Laudamus (Nr. 6) sowie zwischen Laudamus (Nr. 6) und Gratias (Nr. 79) Pausen einlegte. Ging er mehr vom Text als von der Einheit stiftenden Musik aus? Keine Pausen hätten einem Konzert besser zu Gesicht gestanden.

Die Thomaskirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle Grade der Ergriffenheit ließen sich erkennen. Weil immer mehr Menschen spüren, dass die nach außen hin fixierte Lebensweise zur inneren Verarmung führt, erklärt sich der Zuspruch zu einem Konzert, das den Weg zur Transzendenz eröffnet.

Bachfest Leipzig 2004

Johann Sebastian Bach: Messe in h-Moll
Abschlusskonzert

23. Mai 2004, Thomaskirche

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