| Drucken13.06.2001 

„XXL”: 6. Konzert der Reihe „musica nova” (Marcus Erb-Szymanski)

13. Juni 2001 Gewandhaus Mendelssohn-Saal

?XXL?: 6. Konzert der Reihe ?musica nova?

Ensemble Avantgarde/Leipziger Streichquartett
Giacinto Scelsi: Streichquartett #3
Elliott Carter: Eight Pieces for four timpani; Nr. 2, 3, 5, 7; Scrivo in vento, für Flöte
Morton Feldmann: Piano
Isang Yun: Images

Geometrie eines natürlichen Wunders

Wenn die vier Streicher zu spielen beginnen, ist es, als würde ein Klang an vier Enden zugleich nach oben gezogen. Aus einem tönenden Viereck wird ein Bündel. Noch ist es eine amorphe Masse, doch sie bewegt sich. Und diese Bewegungen lassen uns eintauchen in die Räumlichkeit des Tons. Denn der Ton ist hier kein Punkt im musikalischen Prozess mehr, sondern eher eine Hülle, die ein dynamisches Feld birgt. Die Beweglichkeit seines Klingens füllt die Zeit mit räumlichen Dimensionen. Ihre Begrenzungen sind unscharf. Irgendwo zwischen den Frequenzen bildet sich ein klangliches Gefüge. Und wenn sich dieses schließlich in Konsonanzen stabilisiert, ist aus ihm ein klingender Kristall geworden.

Daraufhin sind es schrille, zitternde Tonpunkte, höchst energiereiche Momente, die sich in wild durcheinander laufende Linien auflösen. Jede dieser Linien umflackert verschiedene Orte im Klangraum. So bilden sich Flecke heraus, die sich von einander abheben und dem tönenden Spektrum eine zweidimensionale Bildhaftigkeit geben. Einem Grafiker dürfte es nicht schwerfallen, diese rasenden Linien, die sich zu verschiedenfarbigen Flächen ballen, nachzuzeichnen.

Am Ende finden sich dann doch wieder Töne. In langen Notenwerten verschwimmen sie zwar und sind teilweise auch brüchig wie die Stimmen alter Menschen, doch finden sie zurück zu jenen kristallinen Konsonanzen, die schon an früherer Stelle fasziniert haben.

Für den Komponisten Giacinto Scelsi, dessen drittem Streichquartett diese partielle Umschreibung gewidmet ist, ist der einzelne Ton keine Selbstverständlichkeit mehr. Bei Scelsi erfahren wir ihn als ein Wunder der Natur. Wir können es bestaunen, keineswegs aber beherrschen. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem ehemaligen Grundelement der Tonkunst scheint zum Ethos einer Musik zu gehören, die dieses Wunder hegt und pflegt und am Leben erhält.

(Marcus Erb-Szymanski)

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