Mafia oder Courage? Zukunft Brühl

Eine Podiumsdiskussion sollte Perspektiven für den Brühl erörtern

Als 1907 – also vor genau 100 Jahren – der Werkbund ins Leben gerufen wurde, verband dessen Mitglieder unter anderem der Anspruch „über den lokalen Interessen, Eifersüchteleien und Verärgerungen“[1] hinweg aktuelle Probleme von Kunst, Gestaltung und Architektur zu lösen. Zunächst stand das Kunstgewerbe im Vordergrund, später gewannen die Aufgaben des Wohnungs- und des Städtebaus mehr und mehr an Bedeutung.

Heute hingegen scheint dem gegenseitigen Argwohn die Reinkarnation gelungen. Keine Basis für sinnvolle Diskussionsabende. Zu einem solchen lud der Verein Architektur Raum e.V., um, wie angekündigt, die Zukunft der Leipziger Innenstadt zu erörtern. Doch der Abend verlief in jede denkbare andere Richtung, Zukunftsvisionen von „Stadt“ wurden dabei am wenigsten bedacht. Stattdessen wurde das Podium zur Anklagebank, auf der rechenschwache Feuilletonisten, mit unsinnigen Zahlenspielen jonglierend, das perfide kapitalistische Gebaren von Wohnungsbaugesellschaft (LWB) und Stadtverwaltung zu entlarven suchten. Glückwunsch! Doch der Überraschungseffekt blieb aus. Kein Raunen in der Menge angesichts der doch so „gewagten“ These. Uns ist längst klar, dass im Immobiliengeschäft die organisierte Raffgier umgeht. Das Gegenargument, Wohnraum könne getrost abgebaut werden, da doch soundsoviel Wohnungen bereits leer stünden, greift dabei leider nicht. Wohnfläche zu vernichten, um den Preis für bestehende Quadratmeter auf dem höchst möglichen Wert zu halten, ist nicht nur gängige, sondern subventionierte Praxis. Solange Wohnungs- und Mietpreise in Regionen changieren, die junge Menschen sich in Wohngemeinschaften zusammenrotten lassen, um der Finanzwut begegnen zu können, solange 22-Jährige weiter das Elternhaus belagern, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten können, werden Stadt und LWB mit dem Vorwurf der mafiaesken Geldscheffelei umgehen müssen.

Oder ist es doch alles ganz anders? Sollen am Brühl lediglich die Spuren einer Vergangenheit getilgt werden, mit der sich die vermeintlich großstädtische „Heldenstadt“ nicht mehr konfrontiert sehen will? Wem noch nicht aufgefallen ist, dass die DDR-Moderne einer wahren Exorzierungswut zum Opfer fällt, dass Stadtplaner, Architekten, Lobbyisten wie Inquisitoren durch die Lande streifen, Baugruben und Abrisslöcher wie Scheiterhaufen hinterlassend, der hat die Zeichen der Zeit noch nicht verinnerlicht. Das dürften jedoch die Wenigsten sein. Denn die Debatten der letzten Jahre haben den höchst fragwürdigen Umgang mit dem baulichen Erbe der Hammer-Sichel-Ehrenkranz-Republik offengelegt. Etliche Ungereimtheiten wurden längst zutage gefördert. Wer angesichts des Brühl-Abrisses einen Streit um die Bewahrung der DDR-Architektur vom Zaun bricht, kommt gut 15 Jahre zu spät.

Kein wirkliches Ergebnis also, welches im Nachgang präsentiert werden konnte. Dennoch die wichtige Erkenntnis: Es bringt nichts, den Schwarzen Peter von einer Partei in die andere schmuggeln zu wollen. Es bringt nichts, sich an formalen Aspekten und schwachen Bedeutungspostulaten einzelner Bauwerke aufzuhängen, anstatt den ernsthaften Denkprozess über die Funktion, Aufgabe und den gesellschaftlichen Zweck der zeitgenössischen Stadt voran zu treiben. Auf dem Podium wurde eine Debatte simuliert, die keine ist. Selbstinszenierung und Kräftemessen der einzelnen Parteien hatten Vorrang gegenüber dem Hinterfragen aktueller städtebaulicher Logiken. Wieso folgt beispielsweise die Errichtung von Verkaufsfläche am Brühl der Annahme, Einzelhandel müsse gleichmäßig in der Innenstadt verteilt sein, dem Neubau von Wohnungen aber wird nicht die gleiche Auffassung zu Grunde gelegt? Die angekündigten Wohnungsbauprojekte verkommen so zu Ersatzhandlungen, zum Alibi.

20 Jahre nach seiner Gründung ließ der Werkbund jegliche Überwindung persönlicher Eifersüchteleien vermissen. Formale Fragen – beispielsweise über die Form des Daches – legten sich über die Bemühungen, eigentliche Probleme zeitgenössischer Architektur zu lösen. So scheint auch bei den beteiligten Städtebaugremien unserer Zeit ein echtes Interesse an der Lösung relevanter städtischer Fragen zu fehlen. Das Hinterfragen struktureller Normen wurde ignoriert. Lieber wurde über die Gestalt eines eventuell zu bauenden Konsummonsters polemisiert. So lange Stadtumbau äußerliche Kriterien inhaltlichen Überlegungen vorzieht, bildet er Nährboden für derart unnötige Bauprojekte, wie sie sich am Brühl abzuzeichnen drohen. Dem Städtebau fehlt nicht Form, ihm fehlt Courage!

Zukunft Brühl
Podiumsdiskussion
Architektur Raum e.V.
Museum der bildenden Künste Leipzig
6. März 2007
[1] Aus der Eröffnungsrede Fritz Schumachers anlässlich der Gründung des DWB in München 1907. In: JUNGHANNS, Kurt: Der Deutsche Werkbund – Sein erstes Jahrzehnt. Berlin 1982, S. 140-142.

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