Mit dem Mond im Zimmer

Wer sind die Monster in meinem Schrank? Das Vorstadttheater Basel und das Junge Schauspiel Zürich gehen in „Ich glaube was, was du nicht glaubst“ auf Spurensuche – Werkstatt-Tage im Theater der Jungen Welt

Autorin Juliane Blech (Foto: privat)

Eine Wäscheleine im schummrigen Dunkel des Raumes. An ihr sind weiße Blätter aufgereiht. Eine Rolle Klebeband baumelt ebenfalls von der Leine herunter und schwingt leise im Luftzug der offenen Saaltür. Lukas Kubik, Ute Sengebusch, Hans-Jürg Müller und Oriana Schrage laufen herein, jeder mit einem Pappkarton unterm Arm, auf den sie sich in einer Reihe zum Publikum gewandt setzen.

Die Schweizer Regisseurin Brigitta Soraperra inszeniert in Koproduktion mit dem Vorstadttheater Basel und dem Jungen Schauspiel Zürich „Ich glaube was was du nicht glaubst“ von Juliane Blech, Gewinnerin eines Stipendiums beim Deutschen Kindertheaterpreis 2010. Doch gespielt wird hier nicht nur ein Stück. Nein, zwei Versionen werden nacheinander präsentiert. Sie beginnen beide gleich, unterscheiden sich aber in der Spielart. Außerdem werden beim zweiten Mal neue Szenen eingeflochten. „Was passiert danach?“, wird am Ende gefragt und damit ein Bogen übers Ganze geschlagen. Zum zweiten Teil hin fällt die Spannung allerdings rapide ab. Die Variation des Stoffes fällt in der Wiederholung nicht groß genug aus, Langeweile wabert durch den Raum.

Auch gekürzt wurde kräftig, aber sinnvoll. Das Inszenierungsteam konzentriert sich ganz auf die Kernszenen der Hauptfigur. Julius hat einen Streit mit seinen Eltern und versteckt sich in seinem Zimmer, wo er sich in Tagträume flüchtet. Die Handlung ist schnell erzählt; das Thema dahinter ist Glauben und Nichtglauben – wer sind die Monster in meinem Schrank?

Alle Darsteller spielen alle Rollen, in einem raschen Wechsel der Figuren. Die Hauptrolle Julius wird manchmal von einer Person gespielt, meist aber von allen gleichzeitig, dialogisch oder im Sprechchor. Die Fantasie der Zuschauer ist gefordert, aus Klebeband, vier Kisten und einer großen Bettdecke werden eine Raumstation, ein Loch für Kanalrattenmonster, oder einfach nur das Zimmer eines kleinen Jungen, der sich verlassen fühlt und sich vor den Auswüchsen seiner Fantasie fürchtet. Verstecken ist das Leitmotiv des Ganzen: Julius versteckt sich in seinem Zimmer, die Monster verstecken sich im Schrank, unter dem Bett schließlich lauert die Angst.

Die Werkstattinszenierung überzeugt durch ihren Anspruch, die anwesenden Kinder ernst zu nehmen. Die Regisseurin weiß die Möglichkeiten kindlicher Fantasie geschickt zu nutzen. Die Bühne braucht keine große Einrichtung, und die Darsteller lösen aufkommende Probleme wie die Schwerelosigkeit auf dem Mond allein durch ihr Spiel. Der hoch gewachsene Lukas Kubik hebt Ute Sengebusch in die Lüfte und sie wirbelt in Slow-Motion begeistert durch das Weltall.

Durch das facettenreiche Spiel der Darsteller ist es kein Problem, die häufigen und schnellen Rollenwechsel nachzuvollziehen. Besonders Hans-Jürg Müller begeistert durch seine unterhaltsamen Darstellungen im Wechsel vom Papa zur Mama zum Märchenonkel zur Angst oder zum trotzigen Kind, das sich von niemandem etwas sagen lassen will.

So gut Darsteller und Regisseurin die Herausforderungen einer unfertigen Produktion bewältigen, die Bühneneinrichtung könnte noch wesentlich konsequenter sein. Es ist unklar, warum die Wäscheleine nicht besser, ungewöhnlicher genutzt wird. Sie fällt von Anfang an ins Auge, und doch dient sie lediglich als Halter für Textblätter, die von den Schauspielern abgerupft und verlesen werden. Die Pappkartons missen streckenweise ihren Zweck, ein überflüssiger Kassettenrekorder wird eingeführt. Möglicherweise wäre es besser gewesen, all dies in seinem Versteck liegen zu lassen. „Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein…“.

Ich glaube was was du nicht glaubst

Von Juliane Blech

Gastspiel vom Vorstadttheater Basel und Junges Schauspiel Zürich

Anlässlich der 17. Werkstatt-Tage der Kinder- und Jugendtheater

29. September 2010, Theater der jungen Welt, Großer Saal


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