Was können Neuronen erzählen?

Büchersonntag, Folge 27: In seinem Buch „Das narrative Gehirn“ stellt Fritz Breithaupt die Behauptung auf, dass das menschliche Gehirn dazu verdammt ist, Informationen zu Geschichten zu verdichten.

Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington. Er ist Leiter eines in seiner Form einzigartigen Experimental-Labors, an dem erforscht wird, wie moralisches Denken, Empathie und Emotionen mit der narrativen Funktion des Gehirns verbunden sind.

Dass der Mensch ein erzählendes Wesen ist, wird sicher kein Bildungsbürger bestreiten wollen. Schaut man jedoch auf die neueren Social-Media-Erscheinungen wie TikTok und Instagram, so drängt sich die Vermutung auf, dass diese Kompetenz bergab geht oder zumindest dem schnellen Bild den Thron räumt. Diese Bestandsaufnahme muss wohl auch für Breithaupt den Impuls gegeben haben, dem entschwindenden Erzählen noch einmal nachzuweinen. Denn mit ihm scheinen auch all die Dinge verlorenzugehen, die wesentlich zum Menschsein dazugehören, als da wären: das empathische Miterleben von Geschichten und damit das Einüben von Emotionen, die Identifikation mit Vorbildern und die Belohnung durch eine moralische Befriedigung , das Aufgliedern und Strukturieren von Inhalten, das Einüben von Logik und Kausalität sowie Impulskontrolle und Affektaufschub.

Breithaupt berichtet im Buch von seinen Studien, die er in seinem Laboratorium unternimmt. Der Titel des Buches verspricht, dass auch auf die Funktionsweise des Gehirns eingegangen wird. Da jedoch wird der Leser enttäuscht. Denn hier kann das Buch nichts Neues liefern, da man aus der Gehirnarchitektur und der Beschaffenheit der Synapsen keine Rückschlüsse auf Narrationen ziehen könne. Daher ist der Titel des Buches ein wenig irreführend und überdies ein Kategorienfehler. Es geht in Breithaupts Buch nämlich nicht um das narrative Gehirn, sondern um narratives Denken. Gehirne haben im strengen Sinne nämlich keine narrative, kausale oder logische Kompetenz. Gehirne sind biologische Dinge, deren Synapsen bei entsprechenden Reizen feuern. Aktivitäten im Hirn werden durch elektrische Impulse und die Verarbeitung von chemischen Signalen ermöglicht. Aus der synchronen Aktivität der Nerven entstehen dann Wahrnehmungen, bei Menschen dann auch Erinnerungen, Antizipationen und letztlich die Fähigkeit, Probleme zu lösen und Ideen zu entwickeln. Breithaupts metonymische Redeweise, die die Funktion durch den Gegenstand ersetzt, führt den Leser daher auf eine falsche Fährte. Hier ist den Kritikern zuzustimmen, die in Bezug auf die Fähigkeiten des Gehirns auf die Lektüre von Arthur Jacobs, Raoul Schrott oder Brian Boyd empfehlen.

Allerdings kann man auch verstehen, warum Breithaupt gerade diesen Titel gewählt hat. Schließlich steht gerade in philosophischen Kreisen das Denken eher für seine begrifflichen, analytischen, kausalen oder logischen Funktionen. Diese Funktionen werden den Narrationen oft nicht zugestanden, was sicher falsch ist. Vielmehr macht Breithaupts Buch – ohne es intendiert zu haben – klar, dass auch Geschichten logische und kausale Strukturen besitzen, die man analysieren und auf den Begriff bringen kann. Sicher genügen sie nicht den Reinheits- und Strenge-Geboten begrifflicher Definitionen. Aber das aus der Aufklärung stammende Hochheben des Begrifflichen verdeckt nur die nicht mindere Relevanz narrativer oder metaphorischer Rede. Vielmehr geben die Tropen der Rhetorik auch der begrifflichen Analyse ihre tiefensprachliche Rahmung.

Breithaupt selbst zeigt sich in seinem Buch als brillanter Erzähler, indem er anschauliche Vergleiche, Analogien, Anekdoten und Metaphern in die schwierige Materie einfließen lässt. Als jemand, der über den Tellerrand seiner Disziplin schielt, bleibt ihm auch die politische Relevanz des Themas nicht verborgen, etwa wenn er nach den Corona-Narrativen fragt, und mit ihnen zeigt, wie Identitätsfragen Wahrheiten kognitiv verzerren können oder wenn er auf die narrative Verarbeitung von 9/11 verweist.

Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag aber leistet meines Erachtens Breithaupts Forschungsprogramm des Erzählens besonders da, wo er die sinnstiftende Funktion der Narration hervorhebt. Denn gerade bei den Herausforderungen, die Krisen darstellen, zeigen sich bestimmte Narrationen immer wieder als Motivator für deren Bewältigung. Denn im Unterschied zu anderen Tieren haben die Menschen es in der Hand, sich ihre Geschichte sinngebend zu erzählen und sie so zu meistern. Narrationen machen das Bewusstsein mobil und sind daher eine der größten evolutionären Leistungen des homo sapiens. Dabei sind es oft die Anspielungen und Auslassungen, die das Gehirn auf Trab bringen. Denn sie motivieren Menschen, diese mit Eigenem – mit Erinnertem, Gehörtem, Gesehenen usw. – zu füllen oder über dieses hinweg zu transzendieren. Diese Gestaltbildungskompetenz haben Literaten seit jeher für sich genutzt. Nun hat sie Breithaupt auch theoretisch untermauert.

Fritz Breithaupt, Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen, Suhrkamp, Berlin 2022, 368 Seiten.

Kommentar hinterlassen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.