Auf dem Rücken der Versklavten: Bausteine einer Erinnerung

Edles Ambiente in einer Villa, weiße Frauen plaudern vergnügt zu Kaffee und Kuchen. Eine schwarze Frau bedient sie, im Garden Club von Natchez, einer US-amerikanischen Kleinstadt am Mississippi, Adams County. Der Major von Natchez ist gleichzeitig Präsident des Clubs, ein Mann, der zu führen und zu unterhalten weiß. Selbstbewusst lacht er, auch über seine Missgriffe am Klavier und setzt den falschen Tönen seinen strahlenden Bariton entgegen. „What a wonderful world!“ Und: „Wir in Natchez lieben unsere Geschichte“, die zu einem Big Business geworden ist, wie der Film von Suzannah Herbert beim DOKFilm in Leipzig erzählt. In großen Gruppen kommen sie aus dem ganzen Land, um in gut organisierten Touren durch die Prunkvillen geführt zu werden, gerne kommentiert von den heutigen Eigentümern und oftmals Nachfahren der früheren Plantagenbesitzer.

Der Garden Club wurde einst gegründet, als Plantagenbesitzer in den 1930er-Jahren durch Missernten in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. So wollte die Klasse in Natchez im inneren Kreis zusammenhalten. Als erstes schwarzes Mitglied erhält Dicey aus den Händen des Majors eine Urkunde. Bei Führungen durch ihr Haus, in dem früher Versklavte wohnten, die die Villen der Reichen bauten und deren Eigentum waren, ist sie mit den verblendeten und naiven Vorurteilen ihrer Besucher*innen konfrontiert. Achtlos Dahingesagtes, das umso mehr schmerzt. Etwa das vermeintlich Romantisch-Nostalgische einer „schwarzen Küche“. Mit einer Freundin berät sie, was zu tun sei, um diesem Ohnmachtsgefühl nicht ausgeliefert zu sein. Schließlich nimmt ihr Gespräch eine komische Wendung: Sollen sie der Besucherin Cookies schicken oder ein aufklärendes Buch? 

Pastor Tracy McCartney lebt in der ärmeren Stadt nebenan. Volltönend singt er mit seiner Black Community „Trouble in my way“. Neben seinem Kirchenamt ist er Tourguide eines alternativen Touristikunternehmens. Gerade fährt er drei vergnügte Ladies mit ausladenden Hüten in seinem Bus durch Natchez. Der Pastor versprüht gute Laune, scherzt liebevoll mit seinen Gästen. Wie beiläufig erzählt er, dass Natchez vor rund 300 Jahren die älteste Siedlung am Mississippi war und eine der reichsten dazu. Neben Zuckerrohr wurde hier Baumwolle angebaut, ein begehrter Rohstoff, vorzugsweise hergestellt für das British Empire. 

Eine andere Frau gleichen Vornamens wie der Pastor. Tracy lässt sich im Ankleideraum einer der Villen von Natchez in ein blaues Traumkleid hüllen. Es passt ihr wie angegossen. Das sagen auch die Leute auf der Straße: „So beautiful! Southern belle!“ Da fühlt sich Tracy, die einst adoptiert wurde, wie sie erzählt, zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig wohl in ihrer Haut. Doch was passiert, wenn sich herausstellt, dass die Geschichte, die einem beigebracht wurde, eher einem Märchen als einer Wahrheit entspricht? Pastor Tracy weiß: Früher wurden hier Hunderttausende Menschen in die Slaverei verkauft. In Ketten standen sie auf dem „Marktplatz“. Eine kleine in den Boden gelassene Tafel mit Kettenresten erinnert an diese Gräuel. Ein Museum dafür zu errichten, um diesen Teil der Geschichte zu erzählen, scheiterte jedoch bisher am Geld für das Grundstück dieses Ortes. Heute steht dort u.a. die Autowerkstatt eines Händlers, der aus seinen rassistischen Ansichten vor der Kamera keinen Hehl macht. Er findet, dass man das Negative der Vergangenheit nicht noch mal erzählen müsse. 

Suzannah Herbert porträtiert in ihrem Film die Dynamiken auf der Suche nach privatisierter Wahrheit. Rassistische, vermittelnde, aufklärende, warme, fröhliche und wütende Stimmen kommen zu Wort. Und es wird deutlich: Was hier fehlt, sind öffentliche Gelder, um die Geschichte der Versklavten in Natchez wie anderswo zu erforschen, ohne ein verzerrendes Business dahinter. Auch um die Zeit der Jim-Crow-Gesetze nach der Abschaffung der Sklaverei bis zum Ende der Rassentrennung in den 1960er-Jahren zu beleuchten und darüber aufzuklären, was dies für die Betroffenen bedeutete. Für Pastor Tracy ist klar: Diese Gesetze haben sich in die Psyche der Menschen eingebrannt und wirken dort noch immer. 

„Natchez“ von Suzannah Herbert, Dokumentarfilm, USA 2025, 87 Minuten, Englisch mit englischen Untertiteln, deutsche Premiere

Kommentar hinterlassen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.