Anne Rabe beschreibt in ihrem Buch „Die Möglichkeit von Glück“ ihre Kindheit in der Nachwendezeit, die bis in die Gegenwart ausstrahlt.
Anne Rabe, Die Möglichkeit von Glück, Klett & Cotta, 2023, ISBN: 978-3-608-98463-7

Anne Rabes erzählt die Geschichte des Mädchens Stine, das in einer kleinen ostdeutschen Hafenstadt groß wurde. Der Debütroman trägt stark autobiographische Züge. Die Autorin versucht, ihre Familiengeschichte mit gesellschaftlichen Fragestellungen zu verbinden. Das ist ambitioniert, aber nicht durchweg geglückt.
Der Roman kann gelesen werden als eine ernüchternde Antwort auf die Träume, die viele Menschen mit dem Wunsch nach einem Systemwechsel und der Wiedervereinigung verbanden. Darin lag eine „Möglichkeit von Glück“, wie der Titel treffend erfasst.
Rabe schreibt dokumentarisch. So will die Autorin offenbar den „wahren Charakter“ ihrer Erzählung untermauern. Das ist nichts Verwerfliches, doch erst viele verschiedene Sichten auf den gleichen Gegenstand – hier der Wende-Geschichte – ergeben ein Bild, das an „Wahrheit“ heranreicht. Und – um es vorwegzunehmen – so sollte das Buch auch gelesen werden: als eines von Millionen Puzzle-Steinen, die das Bild der Nachwendejahre zu einem Gesamtbild vervollständigen.
Transgenerationale Psychotraumata
In ihrem Buch macht Rabe Gewalt zum Grundmotiv ihrer Geschichte. Dieses Sujet mag dem Umstand geschuldet sein, dass sie als Jugendliche die Transformationen im Osten mit besonderer Wucht erlebte. Gewalt zeigt sich im Roman in zweierlei Formen: Einmal findet sie in der Familie statt. Die Mutter wird beschrieben als eine Frau von besonderer Kälte und Bösartigkeit. Von hier aus wird ein Spannungsbogen aufgemacht, dessen Gespanntheit sich im letzten Drittel des Buches auf merkwürdige Weise in eine neue Richtung entwickelt, als sich die Protagonistin Stine von ihrer Mutter verfolgt sieht.
Die Protagonistin Stine ist Schriftstellerin. Sie sucht in ihren Erinnerungen nach den Ursachen der Kälte ihrer systemtreuen Mutter, die im Jugendamt arbeitet. Stine vermutet sie nicht allein im Charakter der Mutter selber, sondern forscht in der Geschichte der Großeltern nach. Doch dort stößt sie auf Schweigen. Im Verschwiegenen, nicht offen Kommunizierten sucht Stine Antworten auf die als Gewalt wahrgenommene Kälte. Hier wie da sieht sie die Erklärung in den gesellschaftlichen Strukturen begründet.
Rabes Buch speist sich nun aus dem Vorwurf, dass die Vergangenheit nicht wirklich aufgearbeitet wurde, weil sie in der DDR von einer neuen Ideologie des „Guten“ überdeckt und gedeckelt wurde. Aus diesem Grund legt sich auch über Stines Familie ein Schweigen über die Vergangenheit der Großeltern. Stines Verdacht ist nun, dass sich über die zweite Generation der Mutter das verdrängte Böse und Gewalttätige wieder Bahn gebrochen hat.
Romantische Empfindlichkeit
Anstatt es aber bei einer subjektiven Sicht auf die eigene Biographie zu belassen, käut Rabe zum hundertsten Mal bildzeitungsmäßig Themen wie die Wochenkrippe, die Jugendwerkhöfe oder die Angriffe auf die Flüchtlingsheime auf, um die vermeintliche allgemeine emotionale Verwahrlosung der DDR-Gesellschaft zu untermauern. Dies scheint mir jedoch eine reduktive und stark medienverzerrten Verobjektivierung der Verhältnisse zu sein.
Darüber hinaus ist es gerade die Erzählung im Lichte der eigenen Verletzlichkeit, die an dem Buch dann auch irgendwie stört. Soll die Hyperempfindlichkeit von Stine als Schriftstellerin darauf verweisen, wie zerbrechlich die Seelen von Künstlern sind? Diese romantische Attitüde ist nicht nur überholt, sondern auch einseitig. Rabes Buch wäre nicht der Interpretation würdig, ginge es nur um Schauleiden.
Verletztheit und Verständnis
Dem Buch ist jedoch anzukreiden, dass auch die Autorin nicht über ihren eigenen Schmerz hinauskam. Zwar hat der Rezensent Andreas Plattlaus recht, wenn er Stines Einzelschicksal stellvertretend für eine traumatisierte Generation sieht (FAZ vom 17.06.2023). Doch Rabes These, dass die DDR-Gesellschaft einen ausgeprägten Hang zu einer gewaltvollen Erziehung und sozialer Kälte gehabt habe, wodurch sich etwa rechtsextreme Exzesse im Osten seit der Wiedervereinigung und bis zur Gegenwart erklären ließen, ist nicht stichhaltig. Das stellt zum Beispiel auch Stefan Müller mit Verweis auf eine Studie aus dem Jahr 2021 richtig. Aus der gehe hervor, dass emotionale Vernachlässigung, emotionale, physische und sexuelle Gewalt im Westen weiterverbreitet weiter verbreitet waren als im Osten.
Es wäre schön gewesen, wenn Rabe oder ihr Alter Ego Stine mehr als nur Wut und Zorn übriggehabt hätten, wenn sich aus ihrer Beschäftigung mit den Demütigungen, den Strukturen der Familie und der DDR ein Verständnis entwickelt hätte. Dieses Verständnis muss ja nicht wohlwollend oder nostalgisch sein. Aber es hätte ggf. die Autorin zu einer Perspektive getrieben, die die Mutter in anderem Licht hätte erscheinen lassen, z.B. als eine selbst den Strukturen Ausgesetzte, Ringende und sogar Liebende. So aber bleiben die Strukturen, die Rabe beschreibt, einseitig und oberflächlich.
Der Autorin gelingt es nicht, in die persönliche und soziale Tragweite der Umbruchszeit zu erfassen. Und ihr gelingt es ebenso wenig, mit Verständnis auf diejenigen zu schauen, die auch den schlimmen Nachklang der Friedlichen Revolution ertragen mussten. Die Autorin hat es nicht verstanden, dass der Taumel der Wende Menschen vor existenzielle Nöte stellte, Lebensentwürfe zerstörte, Überzeugungswelten zusammenbrachen. Vielen zog es den Boden unter den Füßen weg, einige kamen nie wieder auf die Beine, manche wurden verrückt oder brachten sich sogar um.
Ein problematischer Vergleich
Das macht die Gewalt im Osten, die Rabe im Fokus hat, nicht ungeschehen oder besser, ordnet das Buch aber ein als kein umfängliches, sondern sehr subjektives Bild über die Wendezeit. Zwar werden sich einige junge Menschen darin wiederfinden, weil auch sie zu wenig Liebe und Aufmerksamkeit in der Nachwendezeit erfuhren; aber gleichzeitig ist es ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die in den 90er-Jahren selbst paralysiert waren und um ihre Existenz kämpfen mussten.
Meine größte Kritik trifft aber den Vergleich, der über die Eltern- und Großelterngenerationen suggeriert wird. Denn es bleibt ein hochproblematisches Unterfangen, das NS-Regime mit dem DDR-Staat bezüglich ihres Gewaltpotentials zu vergleichen. Wer hier die unterschiedlichen Absichten und die Ziele der beiden Systeme unterschlägt, hat nicht nur im Geschichtsunterricht geschlafen, er setzt auch die Leistung all jener Menschen herab, die gegen die Nazis gekämpft und eine bessere Gesellschaft aufbauen wollten.
Genau dies ist eine Geschichtsklitterung, die auch einer Debütantin nicht nachzusehen ist.
Hier finden Sie noch weitere Buch-Kritiken.


Kommentar hinterlassen