Ayelet Gundar-Goshen, Wo der Wolf lauert, Verlag Kein und Aber, 352 Seiten.

Es gibt Autorinnen, die man viel zu spät entdeckt, obwohl ihre Bücher längst in der Welt sind.
Ayelet Gundar-Goshen gehört für mich zu ihnen. Während ihr Debüt „Eine Nacht, Markowitz“ schon über ein Jahrzehnt zurückliegt und ihr 3. Roman „Löwen wecken“ vor Jahren internationale Aufmerksamkeit erregte, begegnete mir ihr Werk erst zufällig: auf Reisen, in einem kleinen Provinzbuchladen, der mehr Charme als Auswahl besaß. Ihr aktuelles Buch „Ungebetene Gäste“ war vergriffen – doch „Wo der Wolf lauert“ lag da, unscheinbar und zugleich mit einer stillen Anziehungskraft. Es war eines dieser Bücher, die man nicht sucht, sondern die einen finden.
Gundar-Goshen schreibt mit dem Blick einer Psychologin und der Präzision einer
Drehbuchautorin. Ihre Sätze sind klar, doch unter ihrer Oberfläche brodelt es. Sie spinnt ein
feines Netz aus inneren Stimmen, moralischen Zumutungen und gesellschaftlichen
Spannungen, das sich unmerklich zuzieht. Die Welt ihrer Figuren wirkt vertraut und zugleich von
einem leisen Beben durchzogen, das jede Gewissheit infrage stellt.
Im Zentrum steht Lilach, die mit ihrer Familie im Silicon Valley lebt – ein Ort, der Wohlstand
verspricht und doch keinen Schutz bietet. Als der Verdacht aufkommt, ihr Sohn könne einen
Mitschüler getötet haben, beginnt ihre Realität zu flackern. Die Selbstsicherheit, die sie aus
ihrer Integration in die amerikanische Gesellschaft schöpfte, bröckelt. Die Schatten eines
Terroranschlags auf eine Synagoge liegen über der Geschichte, und mit ihnen die Frage, wie
fragil Zugehörigkeit sein kann. Wer ist Freund, wer Eindringling, wer trägt welche Wahrheit in
sich? Lilachs Gedanken kreisen, verengen sich, verlieren den Halt. Für uns Lesende wird dieses
Schwanken spürbar, beinahe körperlich.
Trotz der Schwere des Stoffes bleibt Gundar-Goshens Sprache licht. Sie zeichnet ihre Figuren
mit feinen Linien, ohne Pathos, ohne Übertreibung. Die Erschütterungen liegen zwischen den
Sätzen, in dem, was nicht ausgesprochen wird. So entsteht ein Roman, der zugleich fesselnd
und verstörend ist: ein Kammerspiel der Ängste, ein psychologisches Vexierbild, das lange
nachhallt.
„Wo der Wolf lauert“ zeigt, wie groß Literatur sein kann, wenn sie die leisen Töne beherrscht. Und
es macht unweigerlich Lust, mehr von dieser Autorin zu lesen.


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