
2020 erschien Leila Slimanis autobiographisch gefärbte Trilogie „Le Pays des Autres“ (deutsch: „Das Land der Anderen“), in der sie die Geschichte einer marokkanisch-französischen Familie über drei Generationen beschreibt. Die Autorin wurde 1981 in Marokkos Hauptstadt Rabat geboren und wuchs dort auf. Slimani studierte Medien und Politik in Paris, arbeite als Schauspielerin und Journalistin. Inzwischen ist sie ein internationaler Literatur-Star.
Sie schreibt seit 2014 Romane, ist Trägerin des Prix de Goncourt und wurde von Emmanuel Macron in die Internationale Organisation der Frankophonie berufen, die die französische Sprache befördert. Der letzte Band ihrer Roman-Trilogie erschien im Januar 2026 auf Deutsch.
Die 3 Teile der Trilogie
Der erste Teil, „Das Land der Anderen“, stellt die elsässische Großmutter Mathilde in den Mittelpunkt, die sich im zweiten Weltkrieg in den Marokkaner Amine verliebt, einen Offizier in den Diensten der französischen Armee. Die beiden heiraten in Marokko und lassen sich in der Nähe von Meknès nieder, am Fuß des Atlas-Gebirges, auf einem abgelegenen Hof, den Amine von seinem Vater geerbt hat. Beschrieben wird vor allem der alltägliche Rassismus der französischen Kolonialgesellschaft. Mathilde vermisst Europa, ordnet sich aber in die marokkanische Gesellschaft ein. Sie versucht, ihren Mann zu unterstützen, will allerdings auch nicht vollständig ihre eigene Identität und den Wunsch nach einer beruflichen Aufgabe preisgeben. So arbeitet sie als eine Art Krankenschwester, die die einfachen Menschen in ihrem Umfeld mit ihrem Wissen und Können in Heilungsbelangen unterstützt. Trotz patriarchaler Tradition kämpft sie um Anerkennung und ihr Leben im Land der Anderen.
Der zweite Teil der Trilogie heißt „Schaut wie wir tanzen“. Er ist vor allem der Tochter Aïcha gewidmet, die – als eine Fortsetzung der mütterlichen Ambitionen – ein Medizinstudium in Paris absolviert und dem jungen, linken Ökonomiestudenten Mehdi begegnet, der von allen als „Karl Marx“ angeredet wird. Im Sommer 1968 kehrt Aïcha Belhaj nach vier Jahren Medizinstudium nach Marokko zurück. In Frankreich gehen die Studenten auf die Straße, von den Barrikaden tönt der Ruf nach gesellschaftlicher Veränderung. Doch in ihrer Heimat trifft die angehende Gynäkologin auf eine erstarrte Welt. Die Farm von Aïchas Vater floriert zwar, die Familie allerdings ist zerrissen. Ihr Bruder Selim verschwindet in einer Hippiekommune an der Küste und versinkt im Drogenrausch. – Wie soll Aïcha sich behaupten in einem Land, in dem bisher nur Männer Ärzte sind und das von einem autoritären König regiert wird?
Der Abschluss der Trilogie trägt den Titel „Trag das Feuer weiter“. Er erzählt von Aïchas und Mehdis Töchtern: Mia und ihre Schwester Inès gehen auf eine privilegierte französische Schule. Als Mia zum Studium nach Paris zieht, ist es ein Aufbruch in die Freiheit: Zum ersten Mal kann sie dort ihre Homosexualität offen leben. Und es ist ein Versprechen an ihren Vater: das Feuer, das in ihrem Innern brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, ihre Großmutter, und Aisha, ihre Mutter, entscheidet sie sich für einen ganz eigenen Weg. Mia, das fiktive Alter Ego der Autorin, wird eine erfolgreiche Schriftstellerin, lebt in Paris und leidet nach einer Coronainfektion unter Gedächtnisstörungen. Um sich erinnern zu können, reist sie nach Marokko und begibt sich auf die Spur ihrer Familiengeschichte. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl, auch hier eine Fremde zu sein.
Hatte der erste Band der Trilogie noch Marokkos Weg nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit von Frankreich 1956 zum Gegenstand, so geht es in Band 2 um die späten 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre. Die Familie wird zerrissen zwischen kolonialem Erbe und einer autoritären Monarchie. Band 3 nimmt das Feuer wieder mit an den Ausgangsort: Frankreich. Dieser Band der Trilogie spielt in den 1980er bis 2000er Jahren und zeigt eine neue Generation, die zwischen Tradition und Globalisierung steht. Überschattet wird diese Zeit durch die politisch motivierte Inhaftierung des Vaters, der daran zerbricht.
Nirgendwo zu Hause
An Slimanis Trilogie ist gerade die Darstellung der Ambivalenzen zwischen Okzident und Orient faszinierend. Es ist nicht nur ein Fortschrittsroman, der gerade den jungen Frauen mehr Freiheiten in der modernen französischen Welt ermöglicht. Die Autorin vermag darzustellen, dass jedes Fortgehen auch ein Abschneiden von Wurzeln und damit Leid bedeutet, den partiellen Tod eines Stücks Seele. Und so bleiben trotz Anpassungsleistungen sowohl die elsässische Mathilde in Marokko als auch ihre Kinder und Enkel in Frankreich und New York Fremde. Es bleibt der Zwiespalt, der für so viele Biografien von Migrantinnen und Migranten typisch ist.
Es ist dieses Changieren zwischen den kulturellen Welten, das die Trilogie in Spannung hält. Trotz aller opportunen Bemühungen fühlen sich die Frauen nie recht zugehörig, nie „normal“. Ihre Identität muss ständig durch eine Klammerung gehalten werden, damit sie sich nicht nur einer unterordnet. Wie ein Makel bleibt die Vergangenheit an den Protagonisten kleben, obwohl ihnen nichts Makelhaftes anhaftet. Der Blick der Anderen fordert eine permanente Bezugnahme und Rechtfertigung ihrer Herkunft. Das ist umso beeindruckender, als Slimani hier keine politischen Großakteure in den Mittelpunkt ihrer Romane stellt, sondern kleine und (relativ) einfache Leute. So kann sie zeigen, wie das Politische doch jede einzelne ereilt und in ihrer Identität zurichtet.
Bilanz
In der Figur Mia schreibt sich Slimani selbst ins Buch hinein. Wie sie selbst wird sie Schriftstellerin, allerdings eine, die sich ihrer Identität plötzlich nicht mehr klar. Nirgendwo zuhause und darüber hinaus der Erinnerungen beraubt, will Mia ihre Herkunft nicht dem Vergessen anheimgeben. Um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, reist sie an die Orte ihrer Kindheit zurück. In diesem Kunstgriff lassen sich zwei genuin literarische Ambitionen Slimanis erkennen: einmal eine Rechtfertigung des Anspruchs der Literatur auf fiktionale Selbstermächtigung, die sich freimacht von dem wortwörtlichen Nacherzählen von faktischen Begebenheiten. Gleichzeitig wird der Prozess des literarischen Schreibens auch als Vorgang angesehen, der die Identitätssuche anstoßen und intensivieren kann.
Bei aller Bewegtheit der Charaktere begleitet diesen Generationen-Roman in seinem Grundton eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit, in denen gesellschaftliche Entwicklungen als quasi ohne menschliches Zutun im Modus des Schicksalhaften geschehen. Und in diesem Fatalismus scheint bei aller modernen Fortschrittlichkeit, die die Trilogie von Anfang an auch trägt, die Tradition des „Morgenländischen“ auf, die der Autorin die Hand führt und damit einmal mehr zeigt, dass Slimani – anders als ihre Protagonistinnen – beide Kulturen in sich trägt. Denn für das einzelne Individuum ist es letztlich egal, welche konkrete Kultur ihn oder sie ausgrenzt, Identitäten zurichtet oder Lebensentwürfe einschränkt. Auf diesen universalen menschlichen Makel hinzuweisen, ist die tiefer liegende Lektüreerkenntnis dieser Trilogie., die an das Gewissen jedes Einzelnen appelliert.
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