5. Zeitzer Literaturtag im Lost Place Ambiente

Foto: Betti Berg

Mit Debüts wagt man einen Schritt in die Welt. Man wirft einen Hut. Der muss Eindruck machen, überzeugen. Charlotte Gneuß‘ Erstlingswerk tut das auf eine ergreifende Weise. Gestern stellte sie ihren Roman „Gittersee“ in der Ruine der Nikolaikirche in Zeitz vor. Charmant moderiert wurde die Veranstaltung von Alexander Suckel vom Literaturhaus Halle. Eingeladen hatte die Zeitzer Bibliotheksinitiative, die neben diesem Literaturtag auch die Veranstaltung „Zeitz liest mit“ (im März) und das literarische Picknick (im Juni) organisiert.

„Gittersee“ spielt im Jahr 1976, dem Ausreisejahr von Wolf Biermann. Nach diesem Datum wird die DDR-Welt eine andere. Im Dresdner Vorort Gittersee hilft Karin, genannt Komma, ihrer Großmutter im Haushalt. Alle Familienmitglieder haben ihr Päckchen zu tragen, können kein richtiges Leben im falschen führen. Ihr Freund Paul begeht Republikflucht, kommt nach einem Ausflug in die Tschechoslowakei nicht mehr zurück. Plötzlich steht die Stasi vor der Tür und Karins Welt gerät aus den Fugen.

Gneuß hat den Roman ihrer Großmutter gewidmet. Wie diese blieb, so bleiben auch die Eltern bis 1990 in der DDR und dieser auch später verbunden. Diese Frage beschäftigte die Autorin: Warum bleibt man? Diese Frage hält die Autorin für weitaus spannender als zu fragen: Warum gehe ich? Denn so kann ein Roman entstehen, der von Verlust von Idealen, Verlust von Heimat und von Verrat und Treue erzählt. Dabei macht es sich Gneuß nicht einfach: Sie schildert den Menschen von der Staatssicherheit nicht klischeehaft als lederbemantelten Fiesling, sondern als freundlichen und eloquenten Mann, der durchaus moralische Vorstellungen hat. Und sie hat ein Händchen für die Ambivalenz der Figuren. Damit rückt sie – trotz ihrer Jugendlichkeit (Jahrgang 1992) –  der Wahrheit des DDR-Alltags näher auf den Leib als viele Menschen in Ost und Westen, die die Geschichte gern in Schwarz-weiß-Schubladen wegsortieren.

Was Gneuß‘ Roman, der bereits 2023 erschienen ist, so lesenswert macht, ist auch der Umstand, dass sie – intendiert oder nicht – den Menschen im Osten, die geblieben sind, trotz aller Widrigkeiten, ein Denkmal setzt, indem sie beschreibt, was einen hält, wie gebunden man sich fühlen und was Heimat bedeuten kann, selbst –  oder gerade dann -, wenn die eigene Familie dysfunktional ist. Insofern ist der Roman zwar kein Emanzipationsroman, wohl aber einer der Aufklärung. Denn er bringt ein weicheres, verständnisvolleres Licht in ein (vom Westen) allzu oft grell ausgeblendeten  Verständnisse von DDR-Geschichte.

Indem Gneuß das kulturelle Gedächtnis der Menschen im Osten ernst nimmt, gelingt es ihr auch, die unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven an die DDR literarisch aufzunehmen. Dabei ist ihre Sprache entschlackt, entstehen Miniaturen, Charaktere und Reflexionen, die – wie der Moderator zusammenfasst – hohe Musikalität enthalten. Eine Musikalität, die einlädt, aus Charlotte Gneuß‘ Debütroman ein Hörstück zu machen. Wir wünschen viel Erfolg dabei!

Charlotte Gneuß, Gittersee, Fischer Taschenbuchverlag, 2023, ISBN 978-3-596-71035-5

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