Oper von Bernd Franke in Leipzig uraufgeführt

Foto: Kirsten Nijhof
Franz Xaver Schlecht (Pieter), Aaron Klatt (Bear, sein Sohn)
Der wohl gegenwärtig mit seinem künstlerischen Schaffen international am stärksten ausstrahlende lebende Komponist in Leipzig ist Bernd Franke. Er wurde 1959 in Weißenfels geboren und wuchs dort in einer Musikerfamilie auf. Der Vater war Jazzmusiker, der Großvater klassischer Orchestermusiker. Seit Beginn seines Studiums 1975 an der damaligen Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ wohnt er aber in Leipzig, arbeitete bis zu seiner Emeritierung 2025 hauptsächlich an der Alma Mater Lipsiensis und brachte in der Stadt kontinuierlich viele seiner Werke stets erfolgreich zur Welt. Nur an die hier vom Gewandhausorchester uraufgeführten großen Orchesterwerke sei erinnert: Drei Orchesterstücke (1984), Chagall-Musik für Orchester (1988), Music for Trumpet, Harp, Violin and Orchestra (1995) [in memory of Leonard Bernstein], alle unter Leitung von Kurt Masur, CUT VI – VIII for orchestra (2007) unter Riccardo Chailly, MYŌ – Konzert für Violine und Orchester (2015) unter Michael Sanderling und mit dem Solisten Sebastian Breuninger sowie Genesis, Konzert für Klavier und Orchester unter Alan Gilbert und mit Michael Wollny (2024). Das MDR-Sinfonieorchester schlug zudem unter Rolf Gupta im Gewandhaus 2003 einen direkten Bogen zur ersten Oper Frankes, mit einer suite out of the opera „Mottke der Dieb“ unter dem Titel For Shalom Ash – five pieces for orchestra.
Es erscheint deshalb folgerichtig, dass die Leipziger Oper unter Intendant Tobias Wolff ein neues Bühnenwerk von Bernd Franke 2020 in Auftrag gab und sich von Anfang an intensiv für die Entstehung der Komposition einsetzte. Dramaturgin Dr. Hella Bartnig entdeckte das vom Englischen ins Deutsche übersetzte, rund 350 Seiten umfassende Buch von Sarah Leipciger mit dem Originaltitel Coming Up for Air für die Oper. Es erschien in deutscher Übersetzung von Andrea O’Brien als Das Geschenk des Lebens 2020 und wurde von Jessica Walker auf 35 Seiten für die Vertonung eingerichtet. Die damit verbundenen Herausforderungen für den Komponisten steigerten sich durch die Besonderheit von drei zeitlich und örtlich verschiedenen Handlungssträngen, die erst gegen Ende ganz zusammengeführt werden. Gemeinsam sind ihnen tragische Schicksale, die sich stets im Spannungsfeld von Atemluft und Wasser, von Leben und Tod, befinden.
1899 wählt eine junge Frau in Paris nach einer gescheiterten Liebesbeziehung zu einer Frau, einer Vergewaltigung und einer daraus hervorgehenden unehelichen Tochter den Freitod in der Seine. 1955 verliert ein von seiner Arbeit gefesselter Spielzeugmacher seinen kleinen Sohn, der unbeaufsichtigt in einem norwegischen Fjord ertrinkt, während sein Vater rund 10 Jahre danach eine tatsächlich bis heute verbreitete gummiartige Puppe zur Beatmungshilfe herzustellen vermag. Ihr Äußeres erinnert an die einst in Paris hergestellte Gipsmaske des Kopfes der Pariserin, deren bezaubernder Gesichtsausdruck daher weltweit im Umlauf war und auch den Schöpfer der medizinisch verwendbaren Puppe inspirierte. Schließlich steht im Mittelpunkt eine vierzigjährige Kanadierin, die von Geburt an schwer mit Mukoviszidose zu kämpfen hatte, sich immer nach dem Schwimmen sehnte. Sie lebt als Schriftstellerin in unserer Gegenwart und erinnert sich während einer Transplantation der Lunge an die beiden vorherigen Geschichten, die im Grunde der Realität entsprechen. Nach dem Titel des Buches überlebt sie am Schluss der Handlung, musikalisch begleitet vom fantastisch agierenden Opernchor, der stets im Zusammenhang mit dem Wasser eine musikalisch übergreifende Einheit schafft.
Das Regieteam unter Leitung von Florentine Klepper entspricht einfallsreich dem oftmaligen Wechsel innerhalb der drei Ebenen durch eine Dreiteilung der Drehbühne mit Verbindungsmöglichkeiten und atmosphärisch unterstützenden Videos im Hintergrund. Die Kostüme der relativ zahlreichen Sängerinnen und Sänger entsprechen geschickt der jeweiligen Zeit, die durch das großartig aufspielende Gewandhausorchester unter Matthias Foremny zum Ausdruck kommt. Hier offenbart sich die jahrzehntelange Vertrautheit zwischen Komponist und Interpreten ebenso wie der enorme musikalische Gestaltungsreichtum, den sich Bernd Franke durch die tiefe Kenntnis europäischer Musiktraditionen wie auch seine weltweiten Reisen angeeignet hat. Gerade von hier aus ist zu verstehen, dass der vertonte Text in der englischen Originalsprache der literarischen Vorlage Verwendung findet und der spürbar vom Orchester differenziert getragene Gesang oft als gehobenes Sprechen erscheint. Insgesamt entsteht dadurch eine originell-eigene Klangsprache mit erstaunlich vielseitiger Farbigkeit und berührender Verständlichkeit, sodass die Dichte der akustischen und optischen Ereignisse eine weitere Beschäftigung mit dem Werk nahelegt, das mehrfach auch in Radiosendungen zu zeitgenössischer Musik anklingt.
Nicht zu überhören war die fast leitmotivartige Verbindung der namenlosen Pariserin (bravourös gestaltet von Samantha Gaul) mit dem Violoncello, die Trompete für den norwegischen Vater (ebenso überzeugend Franz Xaver Schlecht) sowie die Bassklarinette als Kennzeichen für die erschütternd rückblickende Schriftstellerin (Gabrielé Kupšyté herausragend in ihrer Arie kurz vor Schluss). Lang anhaltender Beifall und Standing Ovations am Ende dokumentierten den bedeutenden Erfolg von Wiedergabe und Werk, das auch künftig über Leipzig hinaus große Beachtung verdient.


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