
Ein verheerender Terroranschlag im Museum reißt den dreizehnjährigen Theo Decker aus seinem Leben – und spült ihm ein unschätzbar wertvolles Gemälde in die Hände. Das Gemälde wird sein Leben beglückend und bedrückend begleiten. – Donna Tartts Roman Der Distelfink ist ein bildgewaltiges Epos über Trauma, Verlust und die obsessive Liebe zur Kunst. Doch hält der fast 1000-seitige Mammutroman dem eigenen, gigantischen Anspruch stand, oder verliert er sich in erzählerischen Längen?
Der verhängnisvolle Funke
Die Geschichte beginnt mit einer Katastrophe im Metropolitan Museum of Art in New York. Der dreizehnjährige Theo Decker überlebt einen Terroranschlag, bei dem seine geliebte Mutter stirbt. Im Chaos der Trümmer und angestachelt von einem sterbenden alten Mann entwendet Theo ein unschätzbar wertvolles Gemälde aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande: Der Distelfink von Carel Fabritius aus dem Jahr 1654.
Dieses kleine, meisterhafte Bild eines an seine Stange geketteten Vogels wird für Theo zum Segen und zum Fluch zugleich. Es ist sein geheimes Bindeglied zur verstorbenen kunstliebenden Mutter und das Zentrum, um das sein weiteres Leben kreist. Die Odyssee führt ihn von einer wohlhabenden Familie an der Park Avenue in die staubige, depressive Vorstadtwildnis von Las Vegas und schließlich in die düstere Unterwelt des Amsterdamer Kunsthandels.
Ein Meisterwerk der Charakterzeichnung
Tartts größte Stärke liegt in ihrer Fähigkeit, unvergessliche Charaktere zu erschaffen, die psychologisch tief und berührend gezeichnet sind. Drei Figuren sind dabei besonders berührend dargestellt: Die Hauptfigur Theo Decker entwickelt sich vom traumatisierten, einsamen Waisenjungen zum tablettensüchtigen, innerlich zerrissenen Antiquitätenhändler.
Boris Pavlikovsky ist ein ukrainisch-polnischer Mitschüler in Las Vegas, der zu Theos bestem Freund wird. Boris ist chaotisch, charismatisch, kriminell, aber loyal. Er bringt eine erdende, lebendige Energie in den ansonsten oft melancholischen Roman. Und es ist die Figur des Hobie, eineswarmherzigen Restaurators alter Möbel in New York, der für Theo zu einer Vaterfigur wird und ihm einen moralischen Anker in einer aus den Fugen geratenen Welt bietet.
Literarische Hommage an das Goldene Zeitalter
Die Sprache des Romans ist von einer atmosphärischen Dichte, die im zeitgenössischen Literaturbetrieb ihresgleichen sucht. Tartt beschreibt die Dekadenz der New Yorker High Society ebenso plastisch wie die flirrende Hitze Nevadas oder die Antiquitätenwerkstatt von Hobie, in der es nach Holz, Wachs und Vergangenheit riecht.
Das titelgebende Gemälde fungiert als Metapher: Genau wie der gemalte Vogel an seine Stange gekettet ist, bleibt Theo unwiderruflich an sein Kindheitstrauma und das gestohlene Meisterwerk gekettet. Getrieben vom schlechten Gewissen, es gestohlen zu haben und zu verstecken, saugt es ihm das Leben aus den Knochen.
Die Schwächen des Mammutwerks
Donna Tartt neigt zu einer Detailverliebtheit, die auch ihrem Helden und Hobie eigen ist. Hier sind es die Kleinigkeiten, die Wiederherstellung des Unperfekten, die den Reiz der Möbelrestauration ausmachen. Aber auch in den Passagen in Las Vegas, in denen Theo und Boris tagelang betrunken oder berauscht durch leerstehende Vorstadtsiedlungen driften, ziehen sich über hunderte Seiten.
Dann kommt es zu einem Stilwechsel: Im letzten Drittel des Romans mutiert die feinfühlige psychologische Charakterstudie plötzlich zu einem rasanten, fast schon konstruierten Kriminalthriller in Amsterdam.
Das Finale des Romans gipfelt in einem langen, fast schon essayistischen Monolog Theos über Kunst, Schicksal und die Illusion von Kontrolle. Hier verwebt die Autorin mit großer Meisterschaft die emotionale Odyssee ihres Protagonisten, verbindet Fragen über Kunst und Kriminalität mit einer moralischen Wertediskussion.
Meisterliche Literatur außerhalb der Schubladen
Der Distelfink ist ein melancholischer, bildgewaltiger und emotional aufwühlender Roman, der den Leser lange nach der letzten Seite nicht loslässt. Wer bereit ist, sich auf die epische Länge und das stellenweise langsame Erzähltempo einzulassen, wird mit einer der intensivsten literarischen Reisen der modernen Gegenwartslit


Kommentar hinterlassen