Tür bitte stets geschlossen halten!

Sie hindert nun schon seit Ende des 19. Jahrhunderts, Laub, Lärm, Wind und Wetter und vor allem Kälte und Hitze am Eindringen in die Gebäude: Die Drehtür. Sie soll unsere alltäglichen Wege erleichtern, soll da, wo manuelles Türöffnen und -schließen kompliziert oder kraftaufwendig erscheint, einen komfortableren Durchgang bieten. Die Drehtür sollte ihren ineffizienten Vorgänger, den Windfang, ablösen. Ein Vorraum innerhalb eines Gebäudes, zwischen Haupteingang und einer zweiten Tür, durch die man die Haupträume des Gebäudes betritt. Damit der Windfang den Wind auch fängt, muss immer eine der beiden Türen geschlossen sein; das ist vor allem bei Gebäuden, bei denen sich die Ein- und Austretenden die Klinke in die Hand geben, schwer einzulösen. So fing der Windfang an sich zu drehen. Die Türklinken wurden abmontiert oder auf Griffe reduziert, die Wände abgerundet, die Türen an ihren Angeln miteinander an einem Drehbolzen verschmolzen und statt einer Zarge, wurden die Kanten des Türblatts mit Dichtungsbürsten versehen, die das Gebäude noch gegen den kleinsten Luftzug abdichten.

Bitte nicht berühren!

Eine Studie am Campus des Massachusetts Institute of Technology hat bewiesen, dass die Drehtür achtmal weniger Wind hineinlässt als eine herkömmliche Schwingtür. Darauf verweist auch das von dem New Yorker Designer Andrew Shea entworfene und kostenlos herunterladbare „action kit“; ein Plakat zum Selbst-ausdrucken und -anbringen – Scotch tape not included. Im Layout einer Bauskizze der Drehtür, die in der Draufsicht wie ein Fadenkreuz ausschaut, informiert das Plakat über die Vorteile von „revolving doors“. Man erfährt nicht nur, dass die Benutzung der Drehtür in hohem Maße Energie und Heizkosten einspart, sondern dass bereits ein einziges Mal Drehen ausreichen würde, um eine 60-Watt-Glühbirne für 23 Minuten anzutreiben. Die ersten stromerzeugenden Drehtürprototypen sind bereits im Einsatz und werden von einer wachsenden umweltschützenden Drehtürlobby promotet.

Bei Gebäuden mit hohem Durchgangsverkehr spart die Drehtür zudem auch Zeit. Kein als lästig und aufhaltend empfundenes Türöffnen und -schließen mehr, lediglich ein leichtes Schieben am Türgriff, der zudem noch das Verschmieren der Scheiben vermindert, setzt die Türflügel in Bewegung. Bei vollautomatisierten Drehtürsystemen braucht man die Tür nicht mal mehr berühren, nein, man darf es auch gar nicht. Die sich unablässig drehende Tür lockt mit dem Versprechen durch berührungsloses Hindurchgleiten Barrierefreiheit und höchsten Bequemlichkeit zu bieten. Die immer geschlossene Tür empfängt alle mit offenen Armen. Man braucht den Bewegungsfluss nicht unterbrechen, kann einfach ungehindert weitergehen. Und das muss man auch. Sobald man die Drehtür betreten hat, gibt es kein Zurück. Man schließt mit ihr einen ausweglosen Pakt: Freies Geleit zum Preis der Bewegungsfreiheit. Aus Sicherheitsgründen sind alle Eintretenden gezwungen, sich der an der staatlichen Durchschnittsgehgeschwindigkeit orientierten Drehgeschwindigkeit anzupassen. Und obwohl im Vergleich zur Schwingtür durch die Drehtür in derselben Zeit sehr viel mehr Personen hindurch gehen können, ist das subjektive Erleben des Einzelnen doch eher ein zäher und schleppender Trott. Um das Fließen zu gewähren, vereinzelt sie die eintretende Masse in kleine Häppchen, harmonisiert ihre Bewegungen und longiert sie im Halbkreis einmal herum. Das klassische Rührteigrezept beschreibt die perfekte Teigmasse als „schwer reißend vom Löffel fallend“. Scheinbar ist das auch die angestrebte Konsistenz der Passantenmasse, die die Drehtür, einer Küchenmaschine gleich, gemächlich gerührt wieder entlässt.

Rebellion zwecklos

Wer ungeduldig versucht, gegen das DIN-genormte Gehtempo zu rebellieren, wer schneller geht, als die gesetzeskonforme Drehtür erlaubt, oder gar probiert, sie anzuschieben, dem folgt die Maßregelung auf dem Fuße. Denn ihre sensiblen Sensoren überwachen jeden Schritt. Niemand verlässt den Raum! Weil ohnehin niemand den Raum verlassen kann. Die Tür arretiert alle an Ort und Stelle, der Drehtürkreislauf kollabiert. Geschlossene Gesellschaft. Schrille Alarmtöne, blinkende Signalleuchten, Lautsprecheransagen, die in elektronischer Sachlichkeit auf die Einhaltung des Mindestabstands – nach vorn, hinten, links und rechts, vermutlich auch nach oben – hinweisen, zeigen mit erhobenem Zeigefinger auf diejenigen, die sich den Fehltritt erlaubt haben. Über die Drehtürabteile hinweg kreuzen sich die schmähenden Blicke der festsitzenden Personen und verheißen eine wirkungsvolle Belehrung, ehe sich die Tür wieder in Bewegung setzt und das Gehen mit dem Drehen wieder synchronisiert. Die alarmgesicherte automatische Drehtür ist im Wortsinn in anhaltender Bewegung.

Die Self-Service-Drehtür muss hingegen angeschoben werden. Ausgestattet mit einem mechanischen Sicherheitsblockiersystem verhindert sie, jedenfalls in Gegenden mit Rechtsverkehr, dass man auf die Idee kommt, die Tür mit dem Uhrzeigersinn zu drehen, das wäre ja auch gegen jede Intuition! Dafür hat sie meist kein Geschwindigkeitslimit, was wiederum dazu führt, dass man sich dem Gehtempo der anderen anpassen bzw. sich kollektiv einigen muss, wie schnell oder langsam gegangen wird. Aber auch das übernimmt die Drehtür zum großen Teil selbst. Sie überträgt die Gehgeschwindigkeit der Vorgängerin auf die folgende Person, die wiederum ihre Geschwindigkeitsspur für die Nachfolgenden hinterlässt. Von einer solchen eingeschlossen sind auch die drei Charaktere in der Eingangsszene im Stummfilm „The Cure“ (1917). Ein Angestellter zeigt dem betrunkenen Charlie Chaplin den Drehtüreingang zur Kurklinik, die er wegen seines Alkoholismus aufsucht, und geht nach ihm hinein, während vor ihm Chaplin, statt das Gebäude zu betreten, eine weitere Runde dreht und wieder auf der Straße landet. Diese Szene verbildlicht den sogenannten Drehtüreffekt, der den kurzfristigen Wechsel zwischen zwei Zuständen beschreibt, bei dem die angestrebte Veränderung nur von kurzer Dauer ist, da sich umgehend, nämlich eine Runde in der Drehtür herumgehend, der Ursprungszustand wieder einstellt. Mit dem Drehtüreffekt wird z.B. die Kurzfristigkeit von Zeitarbeitskonzepten kritisiert: Ebenso schnell wie man ein Arbeitsverhältnis begonnen hat, so schnell setzt einen der Arbeitsmarkt auch schon wieder vor die Tür. In dieser bildhaften Begriffspatenschaft ist von der Bequemlichkeit und Funktionalität der Drehtür nicht mehr viel übrig. Ein weiterer Kurgast, der Chaplin zur Hilfe eilt, wird in das Karussellspiel verwickelt und Chaplin zieht mehr und mehr den Unmut beider auf sich, da er gegen jede Konvention der Drehtürbenutzung verstößt, plötzlich stehen bleibt, linksherum geht, immer schneller geht oder mehrere Runden hintereinander dreht. Ungeschickterweise verhakt sich auch noch sein Gehstock in der Tür, was die beiden anderen in jeweils einem Abteil der Drehtür einschließt. Chuck Norris hätte der Szene ein jähes Ende gesetzt, indem er die Drehtür einfach zugeschlagen hätte – because he can. Obwohl sich alle drei sehr nah sind, kann sich Chaplin dank der einzelnen Abteile dem Zugriff seines mittlerweile recht wütenden Verfolgers entziehen.

Die Drehtür: ein Widerspruch in sich

Verläuft die Benutzung nach Vorschrift, erspart die Drehtür im Gegensatz zur gewöhnlichen Tür nicht nur unangenehme, sondern überhaupt soziale Begegnungen. Man braucht sich beim Eintreten nicht mehr mit der im selben Moment das Gebäude verlassenden Person, alle, und vor allem geschlechterspezifischen Höflichkeitskonventionen abwägend abstimmen, wer wem den Vortritt lässt. Gehen Sie zuerst. Ach nein, gehen Sie. Nein, die Dame zuerst. Nein. Ich bestehe darauf. Nein Sie! Bitte nach Ihnen! Nein, nach Ihnen! Gut, dann gehe ich jetzt! – um letztlich doch mit einem gleichzeitigen Schritt gemeinsam im Türrahmen zu stecken. Die Skulptur „Mann in Drehtür“ von Waldemar Otto, die vor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt steht, zeigt zwei männliche Figuren. Sie gehen dicht beieinander jeweils auf einer Seite einer drehbaren Tür. Sie gehen hintereinander denselben Weg im Kreis, doch wenn sie sich umdrehen, sehen sie den Anderen nicht, sondern die Tür. Wie die Drehtür Außen und Innen trennt, trennt sie auch die durch sie hindurchgehenden Personen. Im Film „Der letze Mann“ (1924) von Murnau trennt eine Drehtür das hastige Leben auf der Straße von dem ruhigen Treiben in einer Hotellobby. Zugleich trennt sie aber auch die Menschen voneinander, die sehr nah aneinander vorübergehen jedoch ohne sich anzuschauen. Ihre Körper sind irgendwie dazwischengeraten, aber physisch am selben Ort. Doch sie begegnen sich nicht. Ebenso berührungslos wie sie durch die Tür gleiten, gleiten sie auch an dem Anderen vorbei. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Doch trennt die Drehtür nicht nur, sie ist zugleich auch das Bindeglied zwischen beiden Seiten. Sie ist zugleich abgeschlossener Raum und sperrangelweit offen. Während man sich innerhalb des Windfangs zweifellos im Gebäude befand, ist man nun in der Drehtür weder eindeutig draußen noch drinnen. Ebenso verbindet sie auch die gegensätzlichen Begehren der Rein- und Rausgehenden, die kurzfristig in die gleiche Richtung gehen und dabei doch getrennte Wege haben. Im temporären Dazwischen verfolgen sie quasi dasselbe Ziel. Die Drehtür scheint also ein widersprüchliches Konstrukt, wie schon ihr Erfinder Theophilus Van Kannel mit seinem Werbeslogan beschrieb: „Always open. Always closed“.

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