30 Jahre ohne Worte – und doch nicht sprachlos

Foto: Daniel Rudzki

Seit 30 Jahren stehen Wolfram von Bodecker und Alexander Neander gemeinsam auf der Bühne. Das Pantomime-Duo, das bei Marcel Marceau studierte, ist in Dresden längst eine feste Größe. Zum Jubiläum zeigen sie mit „30 Jahre ohne Worte“ Ausschnitte aus ihrem internationalen Repertoire.

Die beiden erzählen ihre Geschichten meist zu zweit, fast ohne Requisiten und Kostüm. Dafür genügen ihnen Körper, Gesicht, Raum – und manchmal ein Kopfhörer, ein Smartphone oder ein Schwitztuch. Musik und Farbe setzen sparsame Akzente. Die klassische Pantomimenform wird durch Übertreibung, Wiederholung und eingefrorene Bewegungen verfremdet. Manches wirkt allerdings erstaunlich vertraut. Einige Gesten scheinen aus einem Baukasten der Pantomime zu stammen: eindeutig, präzise und sofort lesbar, aber eben auch erwartbar. Die Frage drängt sich auf: Was ist eigentlich die klassische Formensprache der Pantomime? Ist es das, was wir aus der Tradition kennen – oder das, was wir als Publikum aufgrund dieser Tradition überhaupt erst zu erkennen gelernt haben?

Gerade deshalb sind die Momente besonders stark, in denen Bodecker und Neander diese vertrauten Bilder aus ihrer eigenen Erzählung kippen lassen. In „Versuchung“ wird aus dem Griff nach Lebensmitteln plötzlich ein Catwalk. Aus der Frage, was man essen darf, wird die Frage, welcher Körper als akzeptabel gilt. In „Casting“ stehen die beiden nach dem eigentlichen Casting plötzlich selbst auf der Bühne und tanzen zu Michael Jacksons „Smooth Criminal“. Sie sind nicht mehr nur diejenigen, die beurteilen, sondern werden selbst zu Kandidaten.

Überhaupt entstehen die schönsten Momente dort, wo eine Geschichte nicht einfach konsequent weitererzählt wird. Ein Bild ruft ein anderes hervor, eine Geste bekommt plötzlich eine Nebenbedeutung. Es entsteht eine Art Stream of Consciousness ohne Worte: eine Nebenerzählung, die mit der ursprünglichen Geschichte verbunden sein kann, aber nicht muss. Das Publikum darf die Geschichte verlassen und eigenen Assoziationen folgen.

In „Aquarell“ wechseln die Machtverhältnisse zwischen den beiden Malern ständig. Eine Taube wird zunächst achtlos beiseitegetreten, verletzt und flugunfähig zurückgelassen. Später nimmt der Maler sie heimlich mit ins letzte Bild. Aus einer kleinen Nebenhandlung wird so unvermittelt ein stilles Gegenbild zur Machtausübung der Figuren. Auch scheinbare Nebensächlichkeiten können eine eigene Dramaturgie annehmen. Das Schwitztuch, zunächst praktische Notwendigkeit des auftretenden Körpers, wandert durch die Szenen und wird beinahe zu einem kleinen Motto. Gerade solche Momente machen etwas sichtbar, das sonst hinter der Perfektion der Pantomime verschwindet: die Körper der Schauspieler selbst.

Denn Pantomime ist eine Kunst der Sichtbarkeit. Jede Bewegung wird lesbar, jeder Blick bekommt Bedeutung. Umso spannender ist es, wenn etwas auftaucht, das offenbar nicht vollständig geplant war. Was passiert, wenn ein Körper schwitzt? Wenn ein Gegenstand nicht zur Figur gehört und trotzdem integriert werden muss? Bodecker und Neander begegnen solchen Momenten mit bemerkenswerter Ehrlichkeit. Man bekommt nicht nur die Geschichte zu sehen, sondern immer wieder auch den Vorgang des Erzählens selbst.

Komisch wird es in den zahlreichen Statuswechseln zwischen dem souveränen „Checker“ und dem Verpeilten, in Slapstickmomenten, die bisweilen an Laurel und Hardy erinnern. Berührend wird es in „Maskenbauer“. In dem einzigen Solo des Abends bleibt einer Figur ein Grinsen im Gesicht hängen. Der Versuch, es wieder loszuwerden, erfasst schließlich den ganzen Körper. Am Ende zeigt sich hinter dem festgefrorenen Lächeln eine Traurigkeit, die der Komik eine andere Farbe gibt.

Ähnlich stark ist „Berlin Alexanderplatz“, die zeitgenössischste Szene des Abends und zugleich die einzige mit deutlicherem Kostümeinsatz. Eine Großmutter und ein junger Mann treffen aufeinander. Beide sind in ihren eigenen Welten gefangen. Sie, auf Außenwirkung bedacht und technisch überfordert; er, cool und desinteressiert wirkend. Er könnte einfach weitergehen, tut es aber nicht. Unter der Oberfläche steckt eine gutmütige Seele.

Die Szene lebt vom Spiel mit Stereotypen – und zeigt zugleich das Problem solcher Erzählweisen. Viele Nummern greifen auf klassische, teilweise heteronormative Beziehungsmuster zurück. In „Rendezvous“ versucht ein Mann, eine offenbar weibliche Geliebte mit Rosen zu erreichen; eine hinzukommende Figur gibt ihm Beziehungstipps. Die Komik entsteht aus der Überzeichnung vertrauter Geschlechterrollen. Aber gerade hier stellt sich die Frage: Welche Stereotype transportiert man – und wie bewusst tut man das?

Das ist die interessanteste offene Frage dieses Jubiläumsabends. Bodecker und Neander stehen sichtbar in der Tradition von Marcel Marceau. Doch was bedeutet diese Tradition nach 30 Jahren eigener Bühnenarbeit? Die technische Beherrschung der Form ist beeindruckend, die beiden sind hervorragend aufeinander eingespielt. Statuswechsel, Slapstick und präzise körperliche Komik funktionieren zuverlässig. Das Dresdner Publikum weiß, was es bekommt – und offenbar weiß es das zu schätzen.

Doch ein 30-jähriges Bühnenjubiläum hätte die Möglichkeit geboten, stärker über die eigene Geschichte zu erzählen. Man hätte sich selbst zum Gegenstand machen können: zwei Pantomimen nach 30 Jahren, ihre Körper, ihre Routinen, ihre Veränderungen. Stattdessen bleibt „30 Jahre Ohne Worte“ vor allem eine Auswahl von Nummern. Die einzelnen Stücke werden klassisch über aufgerollte Stoffplakate angekündigt. Ein verbindendes Motto oder eine Rahmenhandlung hätte dem Abend zusätzliche Spannung gegeben.

Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung nach drei Jahrzehnten: Wie erzählt man 30 Jahre Bühnenleben, ohne einfach 30 Jahre Bühnenleben abzuspielen?

Die Antwort findet sich immer dann, wenn Bodecker und Neander die Sicherheit ihrer klassischen Form verlassen. Wenn aus einer Taube eine kleine Parallelgeschichte wird, aus einem Schwitztuch ein wiederkehrendes Motiv, aus einem Catwalk eine Reflexion über Körpernormen oder aus einem Casting plötzlich Michael Jackson. Dann entsteht jene Freiheit, die über das bloße Beherrschen der Pantomime hinausweist.

30 Jahre nach den gemeinsamen Lehrjahren bei Marcel Marceau müssen Bodecker und Neander die Pantomime nicht neu erfinden. Aber vielleicht dürfen sie ihr noch stärker dabei zuschauen, wie sie sich verändert. Denn die spannendste Frage nach 30 Jahren lautet nicht, ob sie noch ohne Worte erzählen können. Sondern: Was haben sie nach 30 Jahren eigentlich noch zu sagen?

Kommentar hinterlassen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert