Kurt Weill: „Die Bürgschaft” (Wolfgang Gersthofer)

09. März 2002
Anhaltisches Theater Dessau

Kurt Weill: „Die Bürgschaft“, Text: Caspar Neher

1.-10. März 2002 – Zehntes Kurt Weill Fest Dessau

Dirigent: Golo Berg
Inszenierung: Jonathan Eaton
Ausstattung: Danila Korogodsky
Chöre: Markus Oppeneiger

Johann Mattes, Viehhändler in Urb: Kostadin Arguirov
Anna, seine Frau: Margaret Thompson
Luise, seine Tochter: Christina Gerstberger
David Orth, Getreidehändler in Urb: Ulf Paulsen
Jakob, sein Sohn: Lassi Partanen
Der Richter von Urb: Günter Krause
Der Kommissar der Großen Mächte: Ivan Moutaftchiev

Die drei Gläubiger, Wegelagerer, Erpresser, Häscher, Agenten:
Mark Rosenthal
Taimo Toomast
Juhapekka Sainio

Alt-Solo: Jana Frey


„Es ändert sich nicht der Mensch ?“

Neher/Weills „Bürgschaft“ beim Zehnten Kurt Weill Fest Dessau

Ein Mann stürzt hilfesuchend auf die Bühne, er sei so gut wie verloren. Er heißt freilich nicht Tamino und er wird auch von keiner listigen Schlange verfolgt. Nein, es handelt sich um den biederen Viehhändler Johann Mattes, den eine schwere Schuldenlast bedrückt. Seiner Frau erzählt er den Hergang: Beim Glücksspiele wollte er sich ja mit einem kleinen Gewinn zufriedengeben, aber die bösen bösen Mitspieler verstellten ihm die Tür, und er mußte weiterspielen ? In einem a due-Sätzchen heißt es dann, fast wie in einer alten Buffa, „Ich stehe da und weiß mich kaum zu fassen“.

Wir sind im Prolog von Kurt Weills, heute kaum mehr bekannter Oper „Die Bürgschaft“ (UA Berlin 1932). Die kluge Viehhändlersfrau schickt ihren Gatten zu David Orth, dem befreundeten Getreidehändler, nur dieser könne helfen. Gerade noch rechtzeitig, denn bald schon betritt eine Dreiergruppe die Szene. Natürlich nicht die Drei Damen, sondern die Drei Gläubiger. Und der schließlich herbeigeholte David Orth bürgt in der Tat für Mattes, wie weiland im antiken Sizilien Möros‘ treuer Freund für jenen, freilich nicht mit seinem Leben, „nur“ mit seinem Geld. Für Mattes – seinen besten Kunden, der nun zwei Tage Zeit hat, die bewußte Summe zu beschaffen (wie ihm das gelingt, davon gibt das Stück keine Kunde). Die Symbiose funktioniert, die Gesellschaft ist im Gleichgewicht.

Die weitläufige Erläuterung der Prolog-Vorgänge mag bereits erahnen lassen, daß hier nicht jene inhaltlichen Motive, aus denen sich traditionellerweise eine (glutvolle) Oper speist, von Belang sind. Und mitten im Prolog, in der Soloszene Anna Mattes‘, hatte der Chor, der in diesem Weillschen Werk auf sozusagen antikische Weise immer wieder kommentierend agiert, einen Kernsatz verkündet, der auch in den folgenden Akten ähnlich formuliert ist: „Es ändert sich nicht der Mensch, es sind die Verhältnisse, die seine Haltung ändern“. Schon im Jahr der Uraufführung bot er Anlaß zu einer Kontroverse in der Musikzeitschrift „Melos“.

Da also in der „Bürgschaft“ soviel auf das Parabelhafte ankommt, verwundert es vielleicht wenig, wenn manches in den Handlungskonstellationen., aus der Sicht einer klassischen Dramaturgie betrachtet, reichlich konstruiert und forciert wirkt. So dreht sich der ganze erste Akt – er spielt sechs Jahre nach dem Prolog – um zwei Säcke Spreu, in denen Orth Geld versteckt hat und die er gleichwohl – im Vertrauen auf seinen besten Kunden – an Mattes verkauft. In einem großen Zweifelsmonolog mit „dramatischer“ Steigerung im Orchester sinniert nun Mattes darüber, ob Orth überhaupt von dem versteckten Geld weiß, noch mehr aber drüber, ob Orth momentan auf dieses Geld dringend angewiesen ist. Ob das ganze ein überzeugendes Erpressungsmotiv abgibt, bleibe auch dahingestellt. Immerhin wird hierdurch Gelegenheit zu einem aberwitzigen Wettlauf zwischen Mattes und den drei Erpressern geschaffen – wer trifft zuerst bei David Orth ein? -, einem Wettlauf, der auf der Dessauer Bühne sehr hübsch umgesetzt wurde, insbesondere als er zu Wasser stattfand.

Auch „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, mag der Weill-Liebhaber einwenden, sei letztlich eine bloße Parabel. Gewiß, aber dort wird die Parabel doch stärker von der (Bühnen-)Story getragen. Und daß Caspar Neher, der einstige „Mahagonny“-Bühnenbildner, in seinem ersten Libretto nicht immer die Kraft und Konzisität der Sprache seines Augsburger Schulgenossen Brecht erreicht, muß nicht groß betont werden.

Natürlich, die „Bürgschaft“ ist, gerade weil sie im unbestimmten Fantasieland Urbs spielt, ein Stück über die eigene Zeit, eine gesellschaftskritische „Zeitoper“, wie ein Schlagwort der 20er und frühen 30erJahre lautete. Beklemmend deutlich wird das im zweiten Akt, wenn der „Kommissar der Großen Mächte“ in Urbs als Statthalter eines totalitären Regimes einzieht, Urteile der früheren Rechtsprechung aufhebend und den Fall Mattes/Orth neu – (finanziell) zu Gunsten des neuen Staates – aufrollend (Weill beendete die Partitur ein gutes Jahr vor dem 30. Januar 1933!).

***

Das Anhaltische Theater ermöglichte nun im Rahmen des Zehnten Kurt Weill Festes Dessau die Begegnung mit dieser sicherlich nicht unaufwendigen Oper, die vielleicht Weills ambitioniertestes Musiktheaterprojekt vor seiner Emigration 1933 darstellt. Und gerade musikalisch kann die „Bürgschaft“ allemal unser Interesse wecken. Immer wieder begegnen wir auch den typischen Weill-Tonfällen (wie sie einem aus den bekannten Stücken geläufig sind). Die massive Chorpräsenz indes gibt dem Stück streckenweise fast oratorisches Gepräge. Und auch eine „Evangelistin“, eine Erzählerin (Alt-Solo) ist mit von der Partie. Die objektivistische Haltung des Chors führt mitunter in Bezirke der Neuen Sachlichkeit; beim Zusammentreffen von Mattes und Orth auf dem Fluß etwa (als beide fischend um den heißen Brei des versteckten Geldes herumreden) ergeht der Chor sich in ausgiebigen physikalischen Darlegungen über die Entstehung des Nebels.

Neben biblischen Motiven wie der Hungersnot des dritten Aktes fallen immer wieder bewußt in biblischer Diktion gehaltene Textpassagen auf, wie „Diese Worte behielt David Orth im Gedächtnis“ (Chorkommentar im 1. Akt), bis hin zu Mattes‘ Anklage im 3. Akt „Oh David Orth, warum hast Du mich verlassen?“, als Orth dem einstigen Freund gegen die aufgebrachte Menge keineswegs beizustehen gewillt ist. Das Stück – der 3. Akt spielt wiederum sechs Jahre nach dem 1.+ 2. Akt – hat mittlerweile apokalyptische Dimensionen erreicht. Krieg, Teuerung und schließlich der allgemeine Hunger haben die sich offenbar mit dem Regime arrangierenden Emporkömmlinge Mattes und Orth zu Wohlstand gebracht. Aber der Zorn der Masse ist nun auf Mattes, den man für einen am ganzen Elend Mitschuldigen erkennt, gerichtet. Immer mehr gerät Mattes in eine verhängnisvolle Isolation, die Schlinge zieht sich zu in einer sehr eindrücklichen Passage, in der Golo Berg die Anhaltische Philharmonie zu entsprechender musikalischer Zuspitzung anhielt.

Viel Engagement und Liebe aller Dessauer Beteiligten hatte eine stimmige Aufführung des komplexen Werkes zur Folge. Die riesigen Anforderungen an den Chor (und Extrachor) waren souverän, mit hoher Textverständlichkeit, bewältigt worden. Die unprätentiöse Regie Jonathan Eatons hatte auch den humoritsichen Seiten des Werkes seine nicht zu knappe Aufmerksamkeit geschenkt. Wie das Trio der Wegelagerer seinen „großen Coup“ vorbereitete (mit dem wohl als „Don Giovanni“-Anspielung zu verstehenden „Du gehst hier auf diese Seite“ etc.) war genauso „vergnüglich“ wie deren große Enttäuschung, als beim Überfall auf Mattes lediglich einige Kupfermünzen heraussprangen. Das mit weißen Jacketts, knallroten Hemden und mattroten Koffern herrlich klischeehaft ausstaffierte Erpressertrio kam dann schon etwas raffinierter daher (war aber letzten Endes nicht minder erfolglos).

Unter den vielen Einzelleistungen sei besonders des heldentenoralen Applombs des Komissar-Auftrittes, der stimmlich-gefühlvollen Darstellung der Viehhändlersgattin, der adäquaten Verkörperung der irgendwie in seiner Mischung aus Treuherzigkeit und Bauernschläue doch berührenden „Alltagstype“ Mattes und – last not least – des mit kräftigem Baß agierenden Getreidehändlers gedacht.

Insgesamt konnte man eine Produktion erleben, mit der das Anhaltische Theater wieder einmal seine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellte.

(Wolfgang Gersthofer)

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